Bucheinbände in Menschenleder – über Geschmack lässt sich streiten

Bucheinband in Menschenhaut

Hat den gewissen Gänsehaut-Faktor: Bucheinband in Menschenleder

 

Paul Kerstens kulturelle Großtat

Im Jahre des Herrn 1911 setzt sich der vielgepriesene Nestor der deutschen Kunstbuchbinderei Paul Kersten (1865 – 1943) ein Denkmal der ganz besonderen Art: Im Auftrag des Eugenikers Hans Wilhelm Carl Friedenthal fertigt er eine Brieftasche und sechs kunstvolle Bucheinbände in Menschenleder. Friedenthal hatte ihm zu diesem schönen Zweck zunächst ein Stück Haut im Format 65 x 80 cm zur Verfügung gestellt, das Kersten bei einem Gerber seines Vertrauens nach allen Regeln der Kunst zu Leder verarbeiten ließ.

Nicht ohne Stolz präsentiert der stets um Publicity bemühte Buchbinder, seines Zeichens Lehrer an der Fachschule für Buchgewerbe in Charlottenburg und Leiter der Fachklasse Bucheinband am Berliner Lette-Verein, seine kulturelle Großtat später selbst im Archiv für Buchbinderei und in der Zeitschrift für Bücherfreunde sowie 1922 erneut in der Fachzeitschrift Die Heftlade. Gern hebt er hervor, der erste deutsche Kunstbuchbinder zu sein, der in diesem exquisiten Material gearbeitet hat, und freut sich über diesen erneuten Beleg seiner Fachkompetenz.

Ethische Bedenken scheinen Kersten nicht geplagt zu haben, zumindest sind ihm die moralischen Implikationen seines Unterfangens keine Zeile wert. Dafür geht er ausführlich auf die besonderen Eigenschaften des Materials ein und lobt dessen Vorzüge: Elastizität, Reißfestigkeit, sehr ansprechende Oberfläche.

Nun sind wir modernen Menschen dergestalt sensibilisiert, dass wir leicht zu der Annahme neigen, Kerstens Zeitgenossen müüsten sich beim schieren Gedanken an Bucheinbände in Menschenleder angewidert abgewandt haben – doch weit gefehlt: im Jahr 1916, die halbe Nation lässt sich gerade in den Schützengräben Frankreichs und Russlands das Fell über die Ohren ziehen, kommen die Einbände in einem der besten Häuser Berlins unter den Hammer. Das Kunstantiquariat Paul Graupe versteigert Kerstens Liebhaberbücher zu hohen Preisen und erfreut sich lebhaften Zuspruchs. Ein Exemplar geht an den renommierten Bibliophilen Gustav Adolf Erich Bogeng, einen weiteren Einband verkauft Graupe ohne Rücksprache mit Kersten zum Festpreis an eine amerikanische Bücherfreundin. Die Affäre hat ein gerichtliches Nachspiel: Über den niedrigen Verkaufspreis brüskiert, macht Kersten seinem Auktionator Graupe die Hölle heiß. Bei einem derart seltenen Einbandmaterial, so Kerstens Argumentation, könne man keine regulären Preise ansetzen – die Einbände seien von unschätzbarem Wert und nur auf dem Wege der Versteigerung zu veräußern.

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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2 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Schüler,

    vielen Dank für Ihre Beiträge im ‚Netz‘ zum Thema Bucheinband und speziell Paul Kersten. Im Hinblick auf einerseits Ihre vielseitigen Tätigkeiten und andererseits doch recht präzisen Kenntnisse zum Thema ‚Bucheinband‘ würde ich gerne fragen, auf Grund welcher Ausbildung in der Buchbinderei Sie sich diese Kenntnisse erworben haben?
    Vor allem interessiert mich die von Ihnen bei den Pergamentbänden gebrauchte Vokabel ’spanische Kante‘, woher Sie diesen Begriff kennen? Ich frage deshalb, weil ich seit Jahren mich mit der Terminologie befasse, und für diese Kante sind tatsächlich verschiedene Begriffe in Umlauf.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Dag-Ernst Petersen

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    • Guten Tag Herr Petersen,

      ich fühle mich geehrt, dass Sie mir präzise Kenntnisse zugestehen; leider fallen diese tatsächlich eher spärlich aus: Ich habe keinerlei buchbinderische Ausbildung genossen und plappere lediglich nach, was ich als Sammler und Bibliophiler hier und dort zu dem Thema aufschnappe. Allerdings habe ich im Nachplappern berufsbedingt eine gewisse Expertise und wähle meine Quellen mit Bedacht.

      Der Terminus „spanische Kanten“ ist in Antiquariats- und Auktionskatalogen häufig anzutreffen. Wo ich ihn aufgeschnappt habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Adolf Baer verwendet ihn in seinem Beitrag „Einiges von Pergamentbänden“ (Archiv für Buchbinderei 1931, Bd. 31-32, S. 8):

      Sehr interessant sind die sogenannten englischen und spanischen Kanten, welche ebenfalls sich sehr werkgerecht mit Pergament arbeiten lassen. Sie sind wahrscheinlich die Überreste der früheren arabischen Einbände mit ihren zu Buchtaschen verlängerten Deckeln. Daß diese Kanten als Schuh für Goldschnitte gedient haben sollen, ist nicht sehr einleuchtend, da kein Grund besteht, nur die Vorderschnitte zu schützen. Sie dienen jedenfalls heute nur noch als eigenartiger Schmuck und geben einem Buche eine besondere Note. Zu ihrer Herstellung …

      Beste Grüße vom Bayerischen Wald in den Harz,
      Andreas Schüler

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