Catherina Godwin – Der Dichter und der Krieg

Münchener Kriegsblätter

Krieg ::: Bruno Goldschmitt

DER DICHTER UND DER KRIEG

Von Catherina Godwin

In dem Momente, da elementar das große Ereignis hereinbricht – das über das Schicksal von Völkermassen hinweg auch zum Schicksal jedes Einzelnen sich gestaltet – werden diejenigen Menschen, die der Wirklichkeit am nächsten stehen, auch die Kraft ihrer Empfindung am schnellsten in die Tat umsetzen können.

Anders die, die der Wirklichkeit ferner gegenüberstehen, deren eigentliches Reich die Welt der Idee, die Welt der Phantasie ist, die in einziger Weise dem Sichter eignet.

Sonst tritt das Erlebnis zumeist von Innen an die Seele des Dichters heran, er ist es gewohnt, das Erlebnis in seiner Kunst selbst zu formulieren.

Und plötzlich naht ihm – abseits der gewohnten Linie – das monumentale Massenerlebnis und tritt von Außen von der Wirklichkeit her, gewaltsam an ihn heran.

So wird es wohl dem Dichter besonders schwer, sich in die ungeheure Tatsache der Wirklichkeit hineinzufinden und wird es ihm wohl auch schwerer, wie manchem der vielen Gelegenheitsdichter, sogleich das befreite Wort zu sprechen, das die Größe der Stunde souffliert. Wenn ein Ereignis in das Leben des Menschen tritt, dann teilen sich die Menschen in zwei extreme Gruppen: in die Einen, die ihre Gefühle unter die Menge tragen und sich mitteilen müssen und in die Anderen, die in tiefster Ergriffenheit sich absondern und schweigen – die Einen, die das Gewaltige ihrer Empfindung über sich selbst in Wort und Tat hinausführt und die Anderen, deren Äußerung weit hinter der Macht ihrer echten Empfindung zurückbleibt.

Und ein Verleger sprach nachdenklich also: Unser Militär – fabelhaft! – unsere Soldaten fabelhaft! – wo aber bleibt der Dichter? –

Tatsächlich findet sich in der Hochflut von kriegerischen und patriotischen Gedichten, die wochenlang alle Zeitungen und Zeitschriften überströmten, nur ganz vereinzeltes Hervorragendes, das auch künstlerischen Wert hat.

Schon taucht der Verdacht auf, daß unser heutiger Dichter – in dem Augenblicke, wo er sein Talent beweisen müßte – darum zum Teil versagt, weil sich der moderne Phantasiemensch, insonderheit der moderne Dichter zu sehr auf sein eigenes Ich und seinen eigenen Gedankenkreis konzentriert und sich dadurch der Allgemeinheit und der Realität der Außenwelt entfremdet hat.

Nicht, daß dieser Verdacht in manchem Falle nicht zu Recht bestünde, aber der moderne Dichter, wie überhaupt der Dichter, steht der Realität der Außenwelt niemals entfremdet gegenüber, er steht ihr nur anders wie die Andern gegenüber.

Denn die Realität wird ihm nie Selbstverständlichkeit, sondern bleibt ihm stets Wunder, er steht nicht selbstverständlich mitten im Leben, sondern staunend vor dem Leben.

Der Phantasiemensch wird nur irrtümlich als Gegner der Realität verstanden. Er ist im Heimlichsten seines Wesens der Anbeter der Realität, gedanklich unlöslich mit der Wirklichkeit verknüpft, in die er immer wieder ideale neue Möglichkeiten träumt. Ja, trotz aller scheinbaren Zügellosigkeit seiner Gedanken ist er im Grunde ein Pedant, der sich nicht wie die Anderen von der Wirklichkeit überraschen läßt, sondern jedweder Situation pedantisch das Programm seiner Phantasie voranschickt.

So vermählt er diese Welt mit der höheren Welt der Idee, er trägt das Unendliche in die Endlichkeit und was die Realität ihm verneint, das bejaht er und verherrlicht er im Werke seiner Kunst.

In: Forum, Februar 1915, Ss. 605-607

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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