Catherina Godwin – des bewegten Lebens dritter Teil

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Das bewegte Leben der Catherina Godwin

Dritter Teil: Frau ohne Plural – Schlüssel zur Psychoanalyse der Catherina Godwin

1913 hat Catherina Godwin in der Schwabinger Bohème Fuß gefasst. Und sie ist im Olymp des deutschen Journalismus angekommen. Sie verfasst Buchrezensionen für die Zürcher Weissen Blätter und die Münchener Neuesten Nachrichten (heute Süddeutsche Zeitung) – unter anderem rezensiert sie Walter Rathenaus Zur Kritik der Zeit. Auch in Wilhelm Herzogs Forum ist sie mit einigen Beiträgen vertreten. Hier erscheint 1914 eines von nur zwei Gedichten in ihrem Oeuvre:

 

ALLEIN

Immer wieder ich und ich
Immer wieder find ich mich
Allein.
Niemals: Du —
Immer wieder Ihr und Ihr
Niemals: Wir.

 

Schon in den Begegnungen hatte sie diesen Gedanken erstmals entwickelt:

 

Vom Singular und Plural

„Die erste Person des Plurals fehlt.
Ich habe keinen Plural
Ich habe nur Einzahl
dies ist meine Einsamkeit,
dies ist meine Arroganz,
dies ist mein Tod.

 

So lange ich weiß, daß der Plural notwendige Komposition von Einzahl ist, kann ich das Leben nicht leben.“

Catherina Godwin liefert hier gewissermaßen einen Schlüssel zum Verständnis ihrer literarischen Skizzen – und reichlich Stoff für die professionelle und weniger professionelle Psychoanalyse. Sicher war sie sich darüber bewusst, dass sich diese Aussagen, die an vielen Stellen in ihrem Werk in abgewandelter Form in Erscheinung treten, nur aus ihren persönlichen Lebensumständen heraus erklären, verstehen und interpretieren ließen. Doch uns eine Meinung über ihre Herkunft, ihre Familie und die näheren Umstände ihrer misslichen Ehe beizubringen – das lässt sie lieber bleiben.

Zwischenzeitlich ist politisch einiges schiefgelaufen, und der erste Weltkrieg bricht über Europa herein. Catherina Godwin bezieht kaum Position. Zwar nimmt sie sich des Themas zunächst in patriotisch gefärbten Beiträgen im März an: Der ewige Krieg, Die Auferstehung des Volksideals, Das heilige Motiv – hier ätzt sie gegen ihre Quasi-Herkunftsländer Polen und Frankreich:

„Und das läßt unsere Hauptfeinde, verdoppelt unsere Feinde sein: die Erkenntnis, daß sie in ihren letzten Motiven nur als kalt berechnende Kaufleute das Schwert ergreifen – sich einen (sic!) wesensfremden Volke verbrüdernd, das von der einen Grenze, seine innerlich gärende, revolutionäre Uneinigkeit gegen uns nach Außen wälzt, indes sie von der anderen Grenze die haßerfüllte Eifersucht eines dekadenten Kulturlandes ausnützen, das mit der Mißgunst einer immer noch fabelhaft geschminkten, aber schon alternden Mondäne, ev. Weltdame oder Frau die junge siegreiche Macht anfeindet, die in ihrer aufblühenden Werdensmöglichkeit berufen scheint, Führer der kommenden Weltordnung zu sein.“

Catherina Godwin: Das heilige Motiv. „März“ Jg. 1915, Band 9, Seite 273/4

Eine Woche später erklärt sie unter der Überschrift Der Dichter und der Krieg in der letzten Kriegsausgabe des Forum, dem Dichter als Phantasiemenschen werde es

„besonders schwer, sich in die ungeheure Tatsache der Wirklichkeit hineinzufinden und wird es ihm wohl auch schwerer, wie manchem der vielen Gelegenheitsdichter, sogleich das befreite Wort zu sprechen, das die Größe der Stunde souffliert“.

Als das Forum kurz darauf auf Veranlassung des Kgl. Bayer. Kriegsministeriums sein Erscheinen einstellen muss, erklärt sich Catherina Godwin gemeinsam mit 40 weiteren Unterzeichnern (darunter Heinrich Mann, René Schickele, Peter Altenberg, Max Brod, Hans von Weber, Gottfried Kölwel, Walter Hasenclever, Ernst Blaß, Prof. Dr. Ernst Stadler, Ludwig Rubiner, Erich Mühsam, Wilhelm Schmidtborn) in der Berliner Wochenschrift Die Aktion (Franz Pfemfert, Nassauische Straße 17) mit Wilhelm Herzog solidarisch. Danach folgt zunächst Bedeutungsloses. Sie konzentriert sich auf Imagewerbung, schreibt kleine Stilblüten für die Jugend und den Simplicissimus, vermarktet Episoden ihrer ersten Bücher als Kurzgeschichten und posiert 1916 in der Dame, sehr geschmackvoll in topaktueller Trauermode an der Seite „ihres Lieblingshundes Wotan“. Die Begegnungen gehen derweil in die 5. und 6. Auflage.

Im selben Jahr widmet sich die noch junge Wissenschaft der Psychoanalyse unserer Autorin. Bruno Saaler, ein Mitarbeiter Magnus Hirschfelds am Berliner Institut für Sexualwissenschaft, hat in seinem Frontlazarett Muse zum Schreiben. Er erkennt, dass die Begegnungen und das nackte Herz „geradezu als Fundgrube für die Neurosen- und Sexualforschung bezeichnet werden können“ und veröffentlicht einen achtseitigen Beitrag mit dem schönen Titel Über den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre und Catherina Godwin. Eine Rezension fasst den Inhalt 1919 wie folgt zusammen:

„In Anlehnung an die Freudschen Lehren yon der Entwicklung der Sexualitat kann der psychosexuelle Infantilismus folgendermaßen charakterisiert werden: In der frühen Phase des „Narzißmus“ bedarf das Individuum zur Befriedigung seiner Libido keines Objektes. Es steht der Außenwelt entfernt gegenüber und besitzt lediglich das eigene Ich als Lustquelle. Später nimmt es Objekte der Außenwelt, soweit sie als Lustquelle dienen können, in sich auf; Auch in diesem Stadium steht der Lustcharakter des Ichs über jedem anderen. Erst nach Uberwindung des Autoerotismus erfolgt die Verknüpfung des Sexualtriebes lediglich mit Objekten der Außenwelt und wird, je reifer er ist, nicht nur um so höhere Anforderungen an die Persönlichkeit des Objektes stellen, sondern auch die Befriedigung in Rücksichtnahme auf das Objekt suchen. Diese egozentrische Einstellung läßt im Gegensatz auf Altruismus, der das Kennzeichen der Liebe darstellt, auf eine unvollendete Entwicklung schließen. Sexualtriebe, die in ihrer Entwicklung gehemmt sind, haben nur ein Vorstadium zu ihrem Ziel. Dieses Vorstadium, von Freud „Vorlust“ genannt, ist mit dem Ziel einer früheren Entwicklungsstufe identisch and daher infantil. Einen solchen Infantilismus weist Saaler in zwei Werken yon Catherina Godwin nach.“

Hugo Hecht (Hrsg.): Archiv für Dermatologie und Syphilis 1919, Rubrik Fachzeitschriften, S. 218

 

Die psychoanalytische Beurteilung Saalers scheint nicht abwegig. Ob und wie Catherina Godwin darauf reagiert hat, konnte ich bislang nicht herausfinden. Es steht zu vermuten, dass sie entweder kein Öl ins Feuer gießen wollte oder aber dem Ganzen eher gleichgültig gegenüberstand. Ihr großes Interesse an Psychologie und Sexualforschung lässt es denkbar erscheinen, dass sie Saaler kannte und im Vorfeld informiert war.


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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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