Catherina Godwin: Selbstmörder

Totentanz ::: Grete Seipt-Kamare

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Selbstmörder

von Catherina Godwin

I.

Schichten wir in zwei Kategorien:

1) der akute Selbstmörder

2) der chronische Selbstmörder.

Der akute Selbstmörder ist Einer, der aus der Vitalitätsbewegung herausgeschleudert und durch sich selbst zum Stillstand gebracht wird. Er fühlt sich vom Schicksal durch Bankrott — Ehrenverlust — unglückliche Liebe – etc. verdrängt, er krankt und stirbt an irgendeinem Umstand.

Der chronische Selbstmörder hingegen krankt an einem Zustand. Er stirbt des Morgens beim Erwachen und des Abends und des Nachts — er stirbt durch Monde — der Verzweiflungsaffekt der Minute und die Agonie ist über Jahre verzerrt und den sogenannten Selbstmord begeht er fast nie.

Der prädestinierte Selbstmörder tötet sich nicht.

Der Tod — das Endziel des Sterbens — überlebt sich an ihm, weltfremd blickt er müde auf seine Tage und träumt — ein Phantast des Todes — von jenem Tode, den er einst normal in Altersschwäche oder etwa in Gallenleiden erreicht. Der akute Selbstmörder stirbt am Leben — der chronische Selbstmörder lebt vom Sterben.

* * *

II.

— Feigling —
sagen selbstgefällig die Wohllebigen und rühren ihre Beine im Stolze, daß sie’s noch können.

   Sich bekreuzigend — schreitet verächtlich die Kirche vorbei und verweigert die Absolution.
   Starr — die runde Wunde in der Schläfe — ruht der Tote und lächelt mit wächsernen Lippen.
   Ein Kranz drauf — eine Träne — ein Achselzucken. —

— Feigling —
sagen selbstgefällig die Wohllebigen und rühren ihre Beine im Stolze, daß sie’s noch können.

* * *

Und der chronische Selbstmörder lehnt irgendwo am Fenster und schaut nach der toten Trambahn, die lebend auf runden Rädern davonrollt und starrt auf die Leute, die konkurrenztrunken aneinander vorüberlaufen, und er weiß:

der Blasse dort mit dem Schuß in der Schläfe — der ist kein Selbstmörder. Er hat sich nicht getötet — er wurde getötet.

Ein Mensch, den Schicksal — Umstände — Vererbung — Milieu — zum Eigenhenker werden läßt — den das Leben auf die traurigste, häßlichste Art ermordet und aus ihrer Gemeinschaft drängt, der wäre ein Selbstmörder?

Niemand stirbt freiwillig. Ein jeder wird geboren und ein jeder wird gestorben. Dazwischen haben wir einigen Willen: Wir können am rechten Trottoir entlang gehen, oder wir können am linken Trottoir entlang gehen.

* * *

Das Leben verlangt nach Neuem, immer Neuem und entleert den geschwollenen Leib in fanatischer Extase nach aberneuem Werden und läßt sorglos die Füße der Kinder auf verwesten Gebeinen ihrer Väter spielen.

Früher zollte der Tod reichlich den verlangten Tribut an das Leben; er mähte die Menschen zu Haufen in Kriegen, Seuchen und Epidemien dahin. Heute sammeln sie sich — wehren sie sich — operieren sie sich — hocken in Stockwerken übereinander mit Zentralheizung — Klaviere trommeln von fremden Existenzen, von deren Leben wir nichts wissen, als daß ihre Köchin Paula heißt und alle drei Wochen den Waschhausschlüssel verlangt.

Die Dame aus dem 3. rechts treffen wir mal auf der Treppe — sie erwartet was — und das Fräulein im Parterre trägt ein neues Kleid aus schwarzem Crepe.

Das ist das Leben, das ist der Tod, gequetscht in einen Mietsbau mit einer Hausnummer vorne und einer Autogarage rückwärts.

Wir lesen wohl auch flüchtig beim schwarzen Kaffee:

Kriegsdepesche (von unserm Spezialberichterstatter) …. Schwere Verluste der Türken …. 480 Tote …. — Grubenunglück 63 Arbeiter verschüttet …

— Infolge vergifteter Wurstwaren …. 1 Unteroffizier …. 22 Soldaten …. — Liebesdrama — …. 2 Tote, 1 Schwerverwundeter …. — …. Opfer ihres Leichtsinns …. Dienstmädchen — Spiritusexplosion ….

— Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unsere innigstgeliebte Mutter, Schwester, Großmutter, Tante, Schwägerin &c ….

Was ist denn das! Kleinigkeit. — Der Tod ist faul! —

Und der Tod fühlt: er kann nicht mehr wie einst — er ärgert sich über die Mediziner — die Sanatorien — die Joghurtmilch — und geht zu den Gesunden, denen das Geschick die Nerven angefressen hat.

Er versucht im Kleinen, was ihm im Großen nicht mehr gelingt und schafft sich so einen Ausweg und mischt das Gift im Wasserglase der bleichsüchtigen Telephonistin — öffnet die Pulsadern des Unbekannten in der Badewanne des Hotels — stößt den Arbeitslosen von der Brücke in die reißende Flut — preßt des Hungrigen Genick auf das Geleise der Bahn — drückt dem Sekundaner im Abort den Strick in die Hand und läßt den Schädel des Neurasthenikers auf dem Pflaster des Hofes zersplittern.

(In: März – Eine Wochenschrift. Jg. 7, Heft 3, 1913, S. 159 ff. – desgl. in Bücherwurm 1926, S. 51)

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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