Catherina Godwin: Die Liebe als Bild

Ludwig von Hofmann – Garten Eden

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Die Liebe als Bild

Von Catherina Godwin

In fünfzehn Jahren wirst du wohl ein Herr sein, der dem, den ich heute liebe, wenig ähnelt. Vieleicht wäre mein Leben ganz andere Bahnen gegangen, wenn die Natur dich 15 Jahre früher geschaffen hätte und du mir nicht als der degenerierte, scharfgeschnittene Rassemensch begegnet wärest, sondern als der, der du dann womöglich sein wirst, bei dem Degeneration und Rasse schon ein wenig in der Korpulenz verschwimmen und der Finger etwas rundlich nun auch den Ehering trägt.

An diesem wäre ich jedenfalls achtlos vorbeigegangen, nicht ahnend, dass er selbst noch vor fünfzehn Jahren jener war, den ich also lieben konnte. Wer weiß, wodurch die Gefühle eines Menschen gezwungen und gehalten werden.
Und da ich dir sage: Ich liebe dich — so appelliere ich an den Mann, der du jetzt bist.
Und da ich dir sage: Ich liebe dich immer, so appelliere ich wieder an den Mann, der du heute bist.

Der, der du heute bist, den liebe ich ewig; ewig werde ich in meinem Erinnern die Liebe an ihn wiederfinden.

Aber jener, der du morgen und übermorgen sein wirst ?

Kenne ich ihn?

Was weiß ich von ihm?

Wie kann ich sagen, den werde ich lieben?

Nein, diesen werde ich kaum lieben.

Ich liebe heute deine Gegenwart und später die Vergangenheit deiner heutigen Gegenwart, aber wie sollte ich deine ständige Gegenwart und die ganze Skala der Verwandlungsmöglichkeiten deines Ichs wechselnd lieben ?

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die Talent und Kraft haben, den ganzen Wechsel eines Menschen mit durchzuleben und durchzulieben. Man kann so seine Eltern, seine Kinder, seine Freunde dauernd lieben, aber den Geliebten?

Ich kann es nicht begreifen, daß zwei Liebende nun ihr ganzes Leben beieinander sitzen und gegenseitig dem Sterben zuschauen an dem, den sie lieben. Vor allem einmal die Frage: Wer bin ich? Irgendwo an einem Punkte muß man sich doch festhalten. Wissen, für diese lebe ich, dieser strebe ich zu; hier werde ich — hier bin ich — und hier vergleiche ich wieder. Der Regierungsrat ist ja auch mit dem Säugling identisch. Und wenn eine Frau sagt: Ich liebe ihn, so fällt ihr doch nur eine bestimmte Lebensperiode dieses Mannes ein, auf die sie ihre Liebe konzentriert.

Wir erleben an uns selbst Zeitalter und Epochen, wir leben immer ein Wanderndes, immer wanderndes, immer den Werdegang eines Wesens, das wir im Morgen sind. Aber wir steigern uns nicht unbedingt in ständigem Fortschritt und altern, und wenn der Regierungsrat endlich zum gedächtnisschwachen Krüppel wird, so wäre er also der Werdegang dieses Krüppels gewesen? Das alles ist nicht möglich.

In: Die Güldenkammer. Norddeutsche Monatshefte. Hausschild 1912, Band 2, Nr. 7–12, Ss. 688 f.

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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