Frieda Thiersch, Auchbuchbinderin

Frieda Thiersch

Frieda Thiersch

Der Eintrag Frieda Thiersch auf Wikipedia basiert auf diesem Artikel.

Bereits vor einigen Wochen habe ich auf den Artikel von Michael O’Shaughnessy auf boingboing.net verlinkt, in dem er einiges an Neuigkeiten über Frieda Thiersch, die Buchbinderin der Bremer Presse bringt. Sein Blog-Beitrag schien mir an einigen Stellen etwas einseitig und tendenziös, da er sich sehr auf Frieda Thierschs Tätigkeit für das Nazi-Regime konzentriert. Ich habe deshalb ein wenig recherchiert und stelle hier meine kurze Lebensgeschichte der Frieda Thiersch vor.

Bertha Frieda Maria Thiersch wurde als drittes von acht Kindern des renommierten Münchner Architekten Friedrich Maximilian Ritter von Thiersch und seiner Frau Auguste geboren. Sie erblickte am 2. Juli 1889 in München das Licht der Welt.

Die Familie Thiersch brachte viele angesehene Künstler und Architekten hervor, und auch Frieda Thiersch genoss eine kunstsinnige Erziehung. Schon früh zeigte sich ihr zeichnerisches Talent, das von ihrem Elternhaus nach Kräften gefördert wurde. Friedrich Max Ritter von Thiersch war nicht nur damit einverstanden, er bestand sogar darauf, dass seine Töchter einen Beruf erlernten. Frieda war deshalb von 1907 bis 1910 als Studentin an der Königlichen Kunstgewerbeschule München eingeschrieben. In derselben Zeit nahm sie auch private Klavierstunden bei dem angesehenen Komponisten und Kammersänger Ludwig Hess (23.03.1877 in München, † 05.02.1944 in Berlin). Wie Michael O’Shaughnessy in diesem Artikel auf boingboing berichtet, ließ sich die zwanzigjährige Frieda auf eine Affäre mit dem Musikus ein und wurde ungewollt schwanger. Hess habe sie aufgrund einer Wette mit Freunden verführt; die Folgen seien schwerwiegend gewesen, ihr Vater habe sie zum Schwangerschaftsabbruch nach Frankreich geschickt und den Kontakt zu ihr abgebrochen, so O’Shaughnessy. Später scheint sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter wieder eingerenkt zu haben, denn 1911 werden Salon und Galerie im Hause Thiersch 1911 mit Wandgemälden geschmückt, auf denen alle Kinder in Lebensgröße mit ihren Eltern abgebildet sind, und kurz vor Weihnachten 1912 miezelt der greise Architekt eine Zeichnung, die er wenige Monate darauf einer Widmung versieht: „Seiner lieben Frieda von ihrem Vater, Februar 1913“.

Wie dem auch sei: Frieda bricht die Schwangerschaft nicht ab. Am 17. August 1910 bringt sie in dem französischen Städtchen Étrembières, einen Steinwurf von Genf entfernt, ihren Sohn Ernst Thomas zur Welt. Der Junge wächst bei Verwandten in der Schweiz auf, Frieda reist im November 1910 nach England, um in der Londoner Werkstatt des früheren Leiters der Doves Bindery, Charles McLeish, das Buchbinderhandwerk zu erlernen. Ein 20 Jahre später von Charles McLeish ausgestelltes Zeugnis bescheinigt ihr hervorragende Leistungen:

MC LEISH & SONS

BOOKBINDERS

17 HOUGHTON STREET, ALDWYCH, LONDON. W.C.2, ENG.

November 1st, 1932

This is to certify that Miss Frieda Thiersch studied the craft of Bookbinding with us from November 1910 to November 1912. While with us Miss Thiersch worked the full workman’s time to become very efficient in her craft, both book binding and design.

We have no hesitation in saying that Miss Thiersch became the most skillful pupil we ever had and we considered her, at the time of leaving us, equal to any professional. We understand that she became professional at Munich, & her Exhibition of bindings held in London a few years ago was very much admired for the excellence of work & design. We consider also that Miss Thiersch would make an excellent Teacher of the Craft.

Chas. Y. McLeish for Mc Leish & Sons.

 

Ende 1912 kehrt Frieda Thiersch aus England zurück. Die dort erworbene, konsequent nach der Lehre Douglas Cockerells ausgerichtete Arbeitsstil wird zeitlebens die Grundlage ihres Schaffens bleiben und sie zu einer der herausragendsten Buchbinderinnen Deutschlands machen. Ein weiteres Jahr widmet sie der Vervollkommnung ihrer Fähigkeiten – bis Ende 1913 arbeitet sie in der Werkstatt von Carl Sonntag jun. in Leipzig, dann begibt sie sich nach Berlin, um in der Kurfürstenstraße 50 ihre erste eigene Werkstatt zu eröffnen. Hier muss auch der erste Kontakt zur 1911 gegründeten und noch in Bremen beheimateten Bremer Presse stattgefunden haben, denn schon vom ersten Druck der Presse existieren Einbände mit Frieda Thierschs Signaturstempel. Die Buchbinderei der Bremer Presse hatte bis zu diesem Zeitpunkt Peter Aoram Demeter geleitet (s. Paul Kersten, Die Pergamentbände der Frieda Thiersch, Zwiebelfisch Heft 3/1922), im Februar 1914 übernahm Frieda Thiersch die Leitung (Rudolf Adolph: Aus der Geschichte der Bremer Presse, siehe Kommentar).

Demeter war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits eine feste Größe im deutschen Buchkunstbetrieb. Nach seinem Fortgang von der Bremer Presse leitete er ab 1914 die neu eingerichtete Handeinband-Abteilung der Leipziger Großbinderei Hübel & Denk. in den Zwanzigerjahren half er Giovanni Mardersteig beim Aufbau seiner Officina Bodoni und erschuf darüber hinaus in eigener Werkstatt in der Gartenstadt Hellerau eine Vielzahl erlesener Einbände für die Avalun-Drucke. Demeter hat somit die Binderei aufgebaut und wahrscheinlich für eine Großteil der Bindearbeiten der ersten Bremer-Presse-Veröffentlichung (Hugo von Hofmannsthal: Die Wege und die Begegnungen. Bremen 1913) verantwortlich gezeichnet. Er hätte damit an mindestens vier äußerst erfolgreichen Unternehmungen der deutschen Buchkunstzeit (Bremer Presse, Officina Bodoni, Avalun-Verlag und seine eigene Werkstatt in Hellerau) federführend mitgewirkt.

Das Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges brachte auch für Frieda und ihre Familie schwere Schicksalsschläge: Bereits am 16. Januar 1914 starb Friedas jüngere Schwester Marie im Alter von 21 Jahren. Am 22. Oktober, keine zwei Monate nach Beginn der Kampfhandlungen, fiel ihr Bruder Heinrich an der Westfront. Die Eltern Auguste und Friedrich von Thiersch widmeten ihren verstorbenen Kindern je einen Nachruf in Form eines kleinen Büchleins. („Erinnerungen an Marie Luise Thiersch: geb. am 4. Mai 1891 zu München ; gest. am 15. Jan. 1914 zu Wiesbaden“, 30 Ss., Meisenbach & Riffarth, 1914 — „Erinnerungen an Heinrich Ernst Thiersch. Geb. am 6. Mai 1894 in München, verwundet am 13. Okt. 1914 bei Chaulnes, gest. am 22. Okt. 1914 in Marché le pot“, 91 Ss., Meisenbach & Riffarth, 1915). Diese beiden Ereignisse dürften für Frieda traumatisch gewesen sein, und möglicherweise spielten sie eine wesentliche Rolle bei ihrer Entscheidung, sich als Lazarettkrankenschwester an die Westfront zu melden, eine Tätigkeit, der sie sich den gesamten Krieg hindurch an verschiedenen Fronten widmete.

Nach dem Krieg nahm Frieda Thiersch ihre Tätigkeit wieder auf. Ihre Ankündigung in Hans von Webers Zeitschrift „Zwiebelfisch“ liest sich wie folgt:

ATELIER FÜR KÜNSTL. BUCHEINBÄNDE

FRIEDA THIERSCH

Ich erlaube mir bekanntzugeben, daß ich nach mehrjährigem
Studium (London · McLeish — Leipzig · Carl Sonntag jr.)
hier ein Atelier für künstlerische Bucheinbände eröffnet habe.

Die Anfertigung von Bibliothek-, und Luxuseinbänden, Bibeln,
Albums, Gästebüchern, Chroniken, Adressen- und Urkunden-
einbänden übernehme ich nach eignen Entwürfen und in bestem
Material und Technik, wie Leder, Pergament und Seide mit
Handvergoldung. — Nach 4 1/2 jähriger Unterbrechung durch
den Krieg habe ich meine Tätigkeit wieder aufgenommen.

MÜNCHEN · GEORGENSTR. 16 · TEL. 31337

 

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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4 Kommentare

  1. Gerhardt Schuster:
    Rudolf Borchardt, Rudolf Alexander Schröder: Briefwechsel 1919-1945
    Carl-Hanser-Verlag
    Brief Borchardt an R.A. Schröder vom 5.1.1930
    Ausage über Verhältnis Wiegand / Thiersch

    Rudolf Adolph: Aus der Geschichte der Bremer Presse:
    „Leiter der Buchbinderei wurde auf Anraten
    von Julius Meier-Graefe zunächst Peter Demeter; im Februar
    1914 übernahm Frieda Thiersch die Leitung“

    MfG, Helmut

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    • Herr Steffens, vielen herzlichen Dank!
      Der Briefwechsel steht als nächstes auf dem Wunschzettel – leider gibt die hiesige Bibliothek nicht allzuviel her, ich werde es wohl mal per Fernausleihe versuchen müssen.
      MfG, Andreas

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  2. hallo herr schüler , ist der hess nicht in marburg geboren, oder gab es noch eien zweiten ? mfg dietze

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  3. Hallo Herr Dietze, stimmt, Ludwig Hess wurde 1877 in Marburg geboren und starb 1944 in Berlin.
    Beste Grüße, A. Schüler

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