Hyazinth. Novelle von Catherina Godwin.

HYAZINTH

Novelle von Catherina Godwin

Personen:
Hyazinth – Ein verschollener Dichter
Der falsche Hyazinth – Ein Filmstar, der den echten mimte
Isa – Eine Frau, die den echten Hyazinth liebte
Fea – Eine Frau, die beide Hyazinth liebte

Eigenartig mutet es an, wenn man in der Morgenzeitung, gemächlich bei Tee und Toast, seine Todesanzeige liest, die man mit Bedacht selbst verfasste, und sich nun die Gesichter seiner vielen Bekannten vorstellt. „Nach kurzem schweren Leiden“ nein, das hatte ihm nicht gefallen, – „verschied – verblich“ – schien ihm gleichfalls abgeschmackt. Der Dichter Hyazinth hatte über sein Pseudonym „Hyazinth“ nur ein schlichtes Kreuz gesetzt, das sah bescheiden und zugleich interessant aus.

War auch der Tod heute billig geworden, so bedeutete das jähe Ende eines so jungen, begabten Autors für seine Verleger doch eine Reklame! Was man dem Lebenden vorenthielt, würde man dem Toten vielleicht nicht versagen: die allseitige Beachtung eines „zu früh von uns geschiedenen hoffnungsreichen Talentes“.
Das einzig Fatale blieb: er konnte auf seinen Tod keinen Vorschuß nehmen; die Früchte erntete nur sein Verleger.

Hyazinth hielt in Anbetracht seiner morgen erscheinenden Sterbeanzeige es für geraten, seinen wandelnden Geist vom Fenster zurückzuziehen. Frauen fielen ihm ein, die vielleicht um ihn weinten – er wurde leicht gerührt, steckte eine Nelke ins Knopfloch und überlegte, wie er am besten unbemerkt vom Schauplatz verschwinden könne.

Der schlanke junge Mann durchschritt die leere, gekündigte Wohnung und sah was ihm noch blieb: einige gute Anzüge, ein Dutzend eleganter Schuhe – mein Gott, er hatte auf sein Äußeres gehalten –, ein kleines Magazin Schlipse, Parfümerien und auch erlesene Wäsche waren noch da. Nur die Brieftasche aus feinstem Saffianleder bewies sich als einigermaßen leer.
Alles war gepackt. Er brauchte nur in der Dunkelheit ein Auto zu besteigen, dann ging es fort, die Welt war groß, hatte für Schiffbrüchige Raum, und das Geld reichte immer noch, um ein Billett ins Ungewisse zu lösen.

*

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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