Oskar Loerke über Catherina Godwin

CATHERINA GODWIN · DIE FRAU IM KREISE · München: Hyperionverlag 1920

In der Öde unserer gegenwärtigen Erzählungsliteratur ist dieses selbständige Buch eine Erquickung. Das „selbständig“ meint die Vorbedingungen in der Verfasserin mehr noch als ihre Leistung. Sie ist weder auf der Flucht vor dem Gefühl, einer offiziell gewordenen Weise zu erfinden, zu begründen, zu führen, – noch ist sie naiv befangen in irgendeiner besonderen Verschrobenheit des Gehirns, die für die der Alltag wäre und für andere als Sonntag wirkte: in einer solchen – verdienstlosen – Anlage liegt ja die Erklärung vieler merkwürdiger Talente. Sie hat ihre Sicherheit zwischen diesen Extremen, und ihre Neigung. Gedankensituationen in, um und über die realen zu bauen, so daß in den Ereignissen oder den von ihnen gewährten Figuren zuweilen mehr bewiesen scheint als bewiesen ist, beschwert das Werk nicht und beraubt es nicht seiner vegetativen Freudigkeit.

Der Titel bringt es in keiner Erzählungsgattung unter. Als Roman wäre es nur ein geistreicher Grundriß. Es enthält die Metamorphosen einer Frau und gibt den Weg vom überpersönlichen, umrißlosen Selbst über drei Personen des gleichen Selbst wieder in das Weite hinaus. Zuerst ist die Frau namenlos. Sie kennt in ihrem Innern nicht den Weg, den sie doch durch die Kräfte dieses Innern draußen in der Welt geht. Sie könnte sich in eine Geborgenheit emporlügen oder in Gewöhnung und Hochmut abstumpfen. Aber die Erkenntnis ihrer Situation ist nicht ehrgeizig und ruhebedürftig, sondern fruchtbar und frauenhaft, sie artet nicht in die Trunkenheit der Trauer aus: „O, du, was hast du getan, sag, du, mit deiner Jugend“, sie siedelt sich weder endgültig im Sitze des Rausches noch in dem der Wirklichkeit an. Sie probiert. Die Frau birgt sich zunächst in einer der vielen Gestalten, die sie der Möglichkeit nach ist, und dann in einer zweiten und dann in einer dritten. Sie nimmt Platz unter den „Unsterblichen der Mitte“, wo „Einer in dem Andern bejaht und protegiert ist“, wird statt einer Hochstaplerin eine „Niederstaplerin“. Sie enttaucht der Namenlosigkeit und führt ein reell umgrenztes Leben als Witwe Huber. Bald aber erscheint das Dasein als zu lang und wertvoll, um seinen Inhalt immer zu repetieren wie ein Leierkasten. Eine Existenz noch größerer Einfachheit und Demut gewährt vielleicht die Rettung. Und die Witwe Huber schrumpft ein, studiert die Elemente eines neuen imaginären Lebenslaufs an anderen, plättet sich auf alt, richtet ihre Kleidung auf das Merkmal „vertragen“ zu und wandelt als ein „Fräulein Elisabeth Kleine“ weiter. Aber es kann ihr nicht verborgen bleiben, daß sie eine reizvoll trockene Wirklichkeit errafft und dabei eine phantastische Romantik erlebt. Sie zieht also die Folgerung und fährt als Kabarettistin Berta Wunder über den Ozean. Ihr groteskes Ungeschick wird schließlich als gewollte Parodie höchsten Ranges ausgegeben. „Die Symbole waren sich innerlich meist fremd. Sie waren nur Deutung dem Beschauer – sie waren nicht in sich selbst geschaut.“ So entdeckt sie sich selbst wieder im Raume ihrer eigenen Phantasie und weiß nicht seine Grenze gegen die Wirklichkeit. Oder wären Phantasie und Wirklichkeit eins!

Catherina Godwin weiß dem Ernst ihrer Seelenforschung so viel Spiel beizusetzen, daß er sich nicht aufhebt. Sie übte insbesondere die Kunst der Übergänge mit dem Takt, verstehe man das Wort musikalisch oder ethisch.


[Oskar Loerke: Der Bücherkarren: Besprechungen im Berliner Börsen-Courier 1920 – 1928, S. 45 ff.
aus: Berliner Börsen-Courier, Nr. 201, 01.05.1920]

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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