Was heißt hier vellucent, Mr. Chivers?

Vellucent-Einband

Vellucent-Einband von Cedric Chivers (Entwurf H. Granville Fell)

Mit einem recht vollmundigen Artikel in der August-Nummer der englischen Kunst-Zeitschrift The Studio macht Herbert Granville Fell 1903 den geneigten Leser auf eine neue Technik der Bucheinband-Illustration aufmerksam: Die Vellucent-Technik. Doch was hat es damit auf sich?

Der Buchbinder Cedric Chivers (1853 – 1929) aus Bath, später für sieben Amtszeiten Bürgermeister der westenglischen Stadt, hatte sich die Technik 1898 patentieren lassen, und H. Granville Fell steuerte die Illustrationen für zahlreiche Buchdekorationen bei. Als ich über seinen Beitrag stolperte, war ich trotz ästhetischer Vorbehalte sofort von der Technik fasziniert. Ich ergriff die nächste sich bietende Gelegenheit, mir einen der äußerst gesuchten, stets unikalen „Vellucent“-Einbände zu sichern – siehe Foto. Doch was bedeutet nun vellucent, und wie geht das?

Vellucent ist ein Portmanteau aus vellum (= Pergament) und translucent (= durchscheinend). Vermutlich inspiriert von den einzigartigen Arbeiten mit transparentem Pergament, die Edwards of Halifax Ende des 18. Jahrhunderts vorlegte, ließ Chivers für seine Einbände Illustrationen in Wasserfarbe auf Papier erstellen und bezog sie mit einer hauchdünnen Schicht aus hauchdünn ausgeschabtem Pergament, das wie ein glänzender Lacküberzug wirkte. Einlagen aus Perlmutt und von außen aufgebrachten Präge- und Vergolderarbeiten setzten zusätzliche Highlights. Das von Chivers meisterlich verarbeitete Pergament gab dem Dekor eine frappierende Farb- und Tiefenwirkung. Darüber hinaus erwies es sich als erstaunlich widerstandsfähige Schutzhülle – in seinen Verlagsprospekten warb Chivers sogar dafür, dass die Einbände abwaschbar seien, was allerdings angesichts der mittlerweile recht gesalzenen Preise eines Vellucent-Bandes kaum einem heutigen Sammler in den Sinn kommen wird. Den besonderen Vorzug des Vellucent-Verfahrens beschreibt Chivers in einem seiner Kataloge wie folgt:

„Zum ersten Mal in der Geschichte der Buchbinderkunst wird hier die Originalarbeit des Künstlers in der Buchdekoration sichtbar, ohne von der Übersetzung durch die Hand eines Mechanikers verwässert zu werden.“ [Chivers: Books In Beautiful Bindings. Chivers, Bath 1905].

Leider entbehren Chivers’ bunte Pergamentbände trotz ihrer technisch anspruchsvollen Ausführung jedes künstlerischen Anspruchs – mir zumindest ist kein Exemplar bekannt, dessen Einbandillustrationen den beschränkten Reiz eines rein ornamentalen Arts-And-Crafts-Dekors durchbrechen. Sie stehen damit in einer Reihe mit anderen englischen Einbänden, die zwar durch technische Exzellenz brillieren, ansonsten aber eher in die Kategorie bunter Kitsch fallen – man denke an die atemberaubenden Prunkbände aus dem Hause Sangorski & Sutcliffe, die abseits ihrer technischen Perfektion, vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, letztlich nichts als überfrachteter, protziger Kitsch sind. Genau darin unterscheiden sich englische und französische Einbände jener Zeit von denen deutscher Buchbinder: Die Bibliotheken Frankreichs und Englands dienten vornehmlich repräsentativen Zwecken; sie sollten den gesellschaftlichen Status ihrer Besitzer unterstreichen, und der Anspruch, diese Bücher tatsächlich zu lesen, kam niemandem ernsthaft in den Sinn. In Deutschland hingegen verstand man das Buch – auch in einer noch so erlesenen Luxusausgabe – als Gebrauchsgegenstand. Hiesige Einbandkünstler verzichteten daher in aller Regel auf Prachtbände mit überbordendem Dekor, Edelstein- oder Perlmuttintarsien und marmoriertem Schnitt, sondern setzten sich eher damit auseinander, dem Buch ein in Form, Material und Dekor seinem Inhalt angemessenes Äußeres zu verleihen. Deutliche Beispiele hierfür lassen sich zu Tausenden anführen, man denke nur an die Einbände Carl Sonntags jun. für die Rudolfinischen Drucke des Hanne Nüte und der Frithjofssage oder der Monumentalausgaben der Nibelunge Nôt und Kudrun, an die historisierenden Pergamentbände des Askanischen Verlags zu Edda, Nibelungenlied und Faust oder auch an die Pergamentbände Frieda Thierschs, deren Schmuck vor allem in hochwertigem Material und makelloser Verarbeitung bestand. Süßlichen Kitsch wie die Chivers-Bände sucht man hier, zumindest im bibliophilen Umfeld, weitgehend vergebens.

Die Bandbreite von Chivers‘ Arbeit illustriert eine Google-Bildsuche nach „chivers + vellucent“. Der oben erwähnte, ebenso erschöpfende wie reichlich unverfrorene PR-Artikel aus der Feder des Illustrators Herbert Granville Fell, der viele der Illustrationen für Chivers‘ Vellucent-Einbände schuf, erschien 1903 in dem englischen Kunstmagazin “The Studio” (Jahrgang XXIX, No. 125, Ss. 196 – 176) und wurde in „The Graphic Arts And Crafts Yearbook 1908“ in Auszügen abgedruckt. Wen’s interessiert, der kann die letztere, gekürzte Fassung hier nachlesen.

Der findige Chivers stampfte Ende des 19. Jahrhunderts ein Unternehmen aus dem Boden, dass sich zu einer der größten und renommiertesten Buchbindereien der Welt entwickeln sollte. Um 1900 unterhielt er neben seiner Zentrale in Bath mit etwa 50 Beschäftigten verschiedene weitere Niederlassungen in England. 1904 wagte er den Sprung über den großen Teich und eröffnete eine Filiale in New York, wo schon im Folgejahr 80 Angestellte für ihn arbeiteten. Auch hier brachte er sein Geschäft mit einer technischen Innovation voran: Er erwirkte ein Patent auf umnähte Bibliotheksbände, das sich als De-Facto-Standard etablierte und ihm Aufträge von über 500 Bibliotheken aus den gesamten USA sicherte. Heute ist er Bibliophilen durch seine Experimente mit Pergamenteinbänden bekannt, und seine Vellucent-Einbände erzielen beachtliche, stetig steigende Preise.

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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