Begegnungen mit Mir: Kritiker über Catherina Godwin

DAS SPIESSBÜRGERTUM RÜMPFT DIE NASEN

Aber – wie könnte es anders sein? – selbstverständlich war eine umfassend gebildete, scharfsinnig philosophierende und auch in Bezug auf sexuelle Themen durchaus explizite Catherina Godwin nicht nach Jedermanns Geschmack… das Spießbürgertum rümpfte die Nasen, und die bürgerliche Presse schüttelte die eklen kleinen verschwitzten Fäustchen gegen die Autorin und ihren Verleger. Im „Zwiebelfisch“ reagiert Hans von Weber 1911 in zwei Artikeln auf die Anwürfe:

GODWIN, BEGEGNUNGEN MIT MIR.

 
Von diesem Buche erschien soeben die dritte Auflage. — Die teilweise direkt ordinären Angriffe, die eine Reihe minderwertiger Skribenten gegen dieses Buch richteten, weil sie den alten Fehler begingen, die Autorin mit der Ich-Figur ihres Werkes zu verwechseln, haben dem graziösen und höchst eigenartigen Buche nicht nur nicht geschadet, sondern seine Verbreitung nur gefördert. — Es ist bezeichnend, daß alle diese Angriffe ausnahmslos anonym waren, während die zahlreichen anerkennenden Besprechungen mit den Namen unserer bedeutendsten Dichter und Kritiker unterzeichnet waren. Von der Autorin wird voraussichtlich im nächsten Jahre ein Roman erscheinen.

(Zwiebelfisch, III. Jahrgang, Heft Vier, Oktober 1911, Ss. 142/143)

Bereits im nächsten Heft legte Hans von Weber noch einmal nach, um die Ehre nicht nur seines Verlags, sondern auch seiner Autorin zu verteidigen:

IN EIGENER SACHE. 

 
Im vorigen Hefte schrieb ich einige Worte über „die ordinären Angriffe, die einige minderwertige Skribenten gegen das Buch „Begegnungen mit Mir“ von Catharina Godwin gerichtet hatten“. — Darauf antwortet nun die „Deutsche Tageszeitung“, indem sie eine Flut Unrats und persönlicher Verleumdungen über die Verfasserin und mich, den Verleger, ausschüttet. — Es liegt mir fern, mich einer Berührung mit jenem betr. Reporter, der den Artikel verfaßte, mehr als es im Interesse der Wahrheit leider unbedingt nötig ist, auszusetzen. Es genüge mitzuteilen, daß er die Verfasserin „Katharinchen“ nennt, mir ein „feminines Gemüt“ andichtet (mir!! Gott steh mir bei!!!) und mich der — Feigheit bezichtigt, weil ich quasi entschuldigend das Niveau seiner Gesinnung mit dem seines Verständnisses erklären zu sollen glaubte. — Sodann erwidert er den Vorwurf der (noch immer nicht gelüfteten) Anonymität damit, —— „die Beiträge des ‚Zwiebelfisch’ seien selbst ja ausnahmslos anonym, sie seien z. T. Angriffe rein persönlicher Art.“

Ich stelle fest:

  1. Angriffe nicht sachlicher Art sind im „Zwiebelfisch“ nicht in der Länge einer Zeile enthalten.
  2. Jedes Heft ist von mir p e r s ö n l i c h verantwortlich gezeichnet.
  3. Wo ich aber „angreifen“ zu müssen glaubte, habe ich zum Überfluß noch mit meinem Redaktions-„W“ oder mit meinem vollen Namen unterzeichnet.
  4. Wer das Gegenteil behauptet ist ein E h r a b s c h n e i d e r . —

Um zu zeigen, bis zu welchen grotesken Unwahrheiten sich im Schutze seines sicheren Hinterhaltes dieser Anonymus versteigt, sei folgendes mit Handschuh und Pinzette und aller ängstlichen Antisepsis serviert: „Das Buch ist soeben in dritter Auflage erschienen. Dieser Erfolg ist verständlich in einer Zeit, wo entartete Nerven an Perversitäten Geschmack finden und gierige Verlegerhände tagein tagaus den literarischen Schutt der Vergangenheit nach längst begrabenem Schmutz durchwühlen, um ihn in Pergamentband auf Alexandrabütten in schön numerierten Exemplaren dem abgelebten Snobismus aufzuhängen. Verfasserhonorar braucht ja nicht gezahlt zu werden (Aber Herausgeber-Honorar, Sie — Agrarier! D. U.), und so blüht das Geschäft mit den Hundertdrucken.“

Ich nenne hier die Titel sämtlicher bisher erschienenen Hundertdrucke und fordere die „Deutsche Tageszeitung“ auf, den „längst begrabenen Schmutz“ in diesen „Perversitäten“ nachzuweisen:
Die Titel sind: Tristan und Isolde; Die Lieder Walthers von der Vogelweide; Goethes Westöstlicher Diwan; Baudelaires Fleurs du Mal; Novalis’ Hymnen an die Nacht; Gedichte von Nietzsche; Die Gottesnacht von Richard Dehmel; Hölderlins Hyperion, Das Nibelungenlied, Kudrûn und endlich alte deutsche Volkslieder „Gassenhawerlin“ und „Reutterliedlin“.
Wie man sieht, eine ganze Reihe pornographischer Schmutzereien, die nur deswegen nicht mehr konfisziert werden können, weil sie meist vergriffen sind. — Hans v. Weber.

(Zwiebelfisch, III. Jahrgang, Heft Fünf, November 1911, Ss. 179 – 181)

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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