Begegnungen mit Mir: Kritiker über Catherina Godwin

AUTOBIOGRAPHIE ODER FIKTION?

Auch wenn Hans von Weber die „Verwechslung der Autorin mit der Ich-Figur ihres Werkes“ anprangert, so ist doch sämtlichen Rezensenten klar, dass es sich bei den „Begegnungen“ nicht um reine Fiktion handelt; der autobiographische Charakter ist unübersehbar, umso mehr, wenn man Details aus der Godwinschen Lebensgeschichte kennt. Am sichersten und deutlichsten charakterisiert Emil Utitz – eigentlich kein Literaturkritiker, sondern Kunstwissenschaftler – den Reiz, der Catherina Godwins Erstlingswerk ausmacht:

DIE ÄSTHETISCHE BEDEUTUNG DER KUNST 

 
(…) Und wer sich – um nur noch ein einziges Beispiel anzuführen – an den kecken Skizzen »Begegnungen mit mir« von Catherina Godwin gleichwie an raffinierten Leckerbissen ergötzt, ist sicherlich nicht nur formal gefesselt, obgleich die Eigenart der Gestaltung auch stellenweise sehr reizvoll ist, sondern nicht minder durch das überraschende Aufblitzen von Einblicken in sehr komplizierte und meist mit eisigem Stillschweigen überdeckte seelische Zustände mit der unmittelbaren Bewußtheit, daß hier wirkliches, zuckendes, fieberndes und dahingleitendes Leben erschaut und erfaßt wird.

(Emil Utitz: Grundlegung der allgemeinen Kunstwissenschaft, Enke, Stuttgart 1914. S. 191)

Die „Begegnungen mit Mir“ und ebenso das Nachfolgewerk „Das nackte Herz“ (1912) vermitteln so unverkennbar den Eindruck der authentischen, selbst erlebten und gefühlten Lebenserfahrung, dass sich der renommierte Neurologe und Psychoanalytiker Bruno Saaler, ein Mitarbeiter Magnus Hirschfelds, sogar 1919 dazu versteigt, Catherina Godwin in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft anhand dieser zwei Bücher zu analysieren und ihr „psychosexuellen Infantilismus“ zu attestieren. Eine Zusammenfassung seines Beitrags fand Eingang in das Archiv für Dermatologie und Syphilis:

PSYCHOSEXUELLER INFANTILISMUS 

 
In Anlehnung an die Freudschen Lehren yon der Entwicklung der Sexualitat kann der psychosexuelle Infantilismus folgendermaßen charakterisiert werden: In der frühen Phase des „Narzißmus“ bedarf das Individuum zur Befriedigung seiner Libido keines Objektes. Es steht der Außenwelt entfernt gegenüber und besitzt lediglich das eigene Ich als Lustquelle. Später nimmt es Objekte der Außenwelt, soweit sie als Lustquelle dienen können, in sich auf; Auch in diesem Stadium steht der Lustcharakter des Ichs über jedem anderen. Erst nach Überwindung des Autoerotismus erfolgt die Verknüpfung des Sexualtriebes lediglich mit Objekten der Außenwelt und wird, je reifer er ist, nicht nur um so höhere Anforderungen an die Persönlichkeit des Objektes stellen, sondern auch die Befriedigung in Rücksichtnahme auf das Objekt suchen. Diese egozentrische Einstellung läßt im Gegensatz auf Altruismus, der das Kennzeichen der Liebe darstellt, auf eine unvollendete Entwicklung schließen. Sexualtriebe, die in ihrer Entwicklung gehemmt sind, haben nur ein Vorstadium zu ihrem Ziel. Dieses Vorstadium, von Freud „Vorlust“ genannt, ist mit dem Ziel einer früheren Entwicklungsstufe identisch and daher infantil. Einen solchen Infantilismus weist Saaler in zwei Werken yon Catherina Godwin nach.

(Archiv für Dermatologie und Syphilis 1919, Rubrik Fachzeitschriften, S. 218: Kurzreferat über Saaler, Bruno: Über den psychosexuellen Infantilismus, die Freudsche Lehre und Catherina Godwin. In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. III, Heft 4–12, S. 214)

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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