Annette Kolb über Catherina Godwin

Begegnungen mit Mir. Von Caterina Godwin.

Verlag Hans von Weber, München.
Besprochen von Annette Kolb.

Es sind mitunter entschieden geistreiche Renkontres: da es aber Begegnungen mit dem eigenen Ich sind, so sind es natürlich keine Begegnungen im Freien noch à distance, sondern regelrechte Begegnungen im Spiegel.

Die Verfasserin steht davor und betrachtet sich bald- in dieser, bald in jener Stellung, bald so, bald anders gekleidet, mit und ohne Hut, den Kopf in verschiedenster Haartracht, bald hierher, bald dorthin gewendet. Hiermit ist zur Genüge angedeutet, mit welcher Art von Buch wir es hier zu tun haben. Dennoch möchte ich nichts gegen die Tendenz eingewendet haben. Zuletzt sind alle Bücher Begegnungen mit sich selbst, allerdings in sehr verschiedener Weise. Denn die Einen streben bei der Begegnung von sich selber fort und begegnen sich gleichsam mit abgewendeter Miene um des Vorsprungs willen und um sich selbst zurückzulassen. Ein solches Zielen freilich liegt der Verfasserin noch fern. Vielmehr tritt sie, immer etwas neues anprobierend, immer vor sich selber hin. Und auch dagegen möchte ich nichts sagen, würde sie nicht unter Dingen, die sie ganz vortrefflich kleiden, auch solche beibehalten, die sich mit ihrem Genre de Beauté in keiner Weise vertragen.

Sachen wie „Mondaminpudding“, „Gleichgewicht“, „Fife o’clock tea“, stehen ihr und sind entzückend. Frau Godwin sollte diese Note hegen. Hier zeigt sie Anlage zur Meisterschaft. Sie vermag rührende Töne anzuschagen, so lange sie tändelt; sie ist tiefsinniger Einfälle fähig, so lange sie nicht denkt; sie kann peinlich nichtssagend, ja unzart wirken, wenn sie grübelt. Christus in der Fremdenpension” ließe sich an Geschmacklosigkeit schwer überbieten.

Was sich reizend an ihr ausnimmt, sind die graziösen und die kühnen und die aufgebogenen und seitwärts aufgesetzen Hüte, wie sie in den Illustrationen von geschickten Zeichnern jenen Damen zugedichtet werden, die eine schlagfertige Antwort illustrieren sollen. Aber ich könnte ihr in Wahrheit genau alles sagen, was ihr steht: es ist das Kapriziöse, Duftige und Verschleierte. Nur lasse sie — vorerst — um Gotteswillen von Faltenwürfen à la grecque, von strengen Haarknoten und gar von Philosophenmänteln. Sie blamiert uns ja alle in diesem Aufzug.

Die Grazie aber! — sie ist eine so seltene Blüte im deutschen Dichterhaine, sie ist so ernst und zart und hängt so steil! Und die Grazie könnte Frau Godwin noch weit über sich selbst hinausführen. Denn in dieser Hinsicht ist ihr Buch verheißungsvoll und bemerkenswert.


[Österreichische Rundschau Band 25, S. 87, 1910]

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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