Die Unwiderstehlichen

DIE UNWIDERSTEHLICHEN

Was ist männliche Schönheit?

Von Catherina Godwin ::: Mit vier Bildern

Im Allgemeinen hegt man ein Vorurteil gegen den schönen Mann.

Warum?

Ich glaube, dies Vorurteil stammt aus einem Denkirrtum, da die Schönheit an sich ein rein weiblicher Begriff ist. Zudem hat der häßliche Mann es stets verstanden, seinen schöneren Konkurrenten zu diskreditieren, vielleicht um das körperliche Manko als geistiges Plus zu stempeln. Gar mancher kritische Geistesvertreter, der seine männliche Bedeutung an der Größe seiner Hornbrille mißt, übersetzt den männlichen Schönheitstyp noch heute aus dem weiblichen und wirft ihm eitle, süßliche, unmännliche Eigenschaften vor.

Wir leben im Zeitalter der Spezialisierung. Man scheidet verstärkt in rechts und links, trennt Leib und Geist, das Materielle und Ideelle befeindet sich, Rechts und Links bekämpfen sich (siehe Politik). Auch der Versuch, das männliche und weibliche Element zu versöhnen, führte zu einem extremen Erfolg, zu einer Verwechslung der Gruppen – wir erleben als Auswuchs die Vermännlichung der Frau und die Feminierung des Mannes. Zu ihrer eigenen Gesundung schafft unsere Gegenwart sich allenthalben heftige Reaktionen; was unsere zeit an straffer, militärischer Haltung verliert, ersetzt sie durch einen erhöhten Willen zum Sport. Die Muskeln, die schlummerten, während der Geist sich in wichtigem Wortschwall erging, fordern ihr Recht, und wenn ich nicht irre, bedeutet dies im Schicksal des Mannes den Übergang vom Wort zur Tat.

Man vermutet, trotz physiognomischer Kenntnisse, vielfach, daß ein Mann, der kraft seiner Fassade blendet, zumeist nur ein Blender sei, dessen äußere Vorzüge à conto seines inneren Wertes gehen. Doch hat man schon ziemlich damit aufgeräumt, allein den häßlichen Männern das Vorrecht auf Geist zuzusprechen, wie auch die Annahme sich nicht bewahrheitet, daß nur die schlechtgekleideten Menschen anständige Gesinnung haben.

Um die männliche Schönheit voll zu werten, müssen wir sie bereits in unserer Betrachtungsweise von der weiblichen ganz unterscheiden. Die weibliche Schönheit genügt sich in der Volkommenheit ihrer äußeren Form, hingegen männliche Schönheit nur dann überzeugt, wenn sie innere Qualitäten verkörpert.

Die schöne Frau präsentiert ihre Schönheit. Der schöne Mann muß sie repräsentieren. Ihm darf seine Schönheit nur ein Ausdrucksmittel sein, das seine Kraft, seine Macht und seinen Mut bezeugt, hingegen die Frau nicht im Ausdruck gipfelt, sondern im Eindruck, den sie auslöst.

Alles, was uns die Wirklichkeit heute nicht mehr erfüllt: die große dekorative Szene, das bunte besondere Einzelgeschick, die bezwingende männliche Führergestalt, die liebliche Märchengestalt der Frau, versucht das Kino uns vorzutäuschen und flimmert uns Illusionen vor. Die ewig kindliche Sehnsucht der Menschheit beschreibt sich stets zuerst im Bild, wir streben im tiefsten unseres Wesens an den Born des Lebens zu Kraft und Schönheit zurück.

In: UHU. Das neue Monats-Magazin. Heft 2, 2. Jahrgang November 1925

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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