Bucheinbände in Menschenleder – über Geschmack lässt sich streiten

„Die Narbung ist sehr schön und regelmäßig.“

Recht eingehend behandelt Ernst Collin, Schriftleiter der Heftlade, einer Zeitschrift für die Förderer des Jakob Krauße-Bundes, und Sohn des Berliner Hofbuchbinders Wilhelm Collin, das Thema der „Anthropodermischen Biblioplegie“ in einem etwas späteren Beitrag in Scherl’s Magazin, einer Berliner Illustrierten, die von 1924 bis 1933 an jedem Kiosk der Hauptstadt zu haben war:

Bucheinbände in Menschenleder

Der Bibliophile, auf Kuriosa stets erpicht, wird sein bücherfreundliches Herz auch solchen Büchern gern zuwenden, deren Hüllen aus seltsamem und daher seltenem Material besteht. Außerhalb des Seltenheitskurses stehen die gebräuchlichsten Leder, die aus der Haut des Rindes, des Schafes und des Schweines gefertigt werden. Ungewöhnlicher schon sind die Wild-, Krokodil-, Schlangen-, Eidechsen-, Hund-, Affen- und Fischleder. Diese gehören zu den Werkstoffen, aus denen Einbände zu besitzen nur wenigen Bücherfreunden vergönnt ist. Die Rarität der Tiere, die Schwierigkeit der Gerbung und einbandgerechten Verarbeitung geben diesen Ledern den echten Kuriositätswert. Wie weinge aber dürfen sich damit brüsten, Bücher aus dem a l l e r s e l t e n s t e n  L e d e r zu besitzen, demjenigen, das aus der H a u t  d e s  M e n s c h e n durch dieselben Manipulationen gewonnen wurde wie etwa das Rind- oder Schweinsleder.

Und, Hand aufs Herz, wie wenige können einen solchen Einband ohne Gruseln und ohne das peinliche Gefühl in die Hand nehmen, daß die äußere Umhüllung des „homo sapiens“ hier eine Verwendung gefunden hat, die durchaus nicht der Würde des Menschengeschlechts entspricht. Aber es nutzt nun einmal nichts, wir kommen um die Feststellung nicht herum: Menschenhaut eignet sich als Einbandleder bei seiner Verarbeitung ebenso gut wie manches Tierleder. Und die benannte „Krone der Schöpfung“, die sich so hoch erhaben über die Tiere dünkt und Schimpfnamen am liebsten dem Tierreich entnimmt, muß es sich auch gefallen lassen, zu hören, daß Menschenleder eine auffallende Ä h n l i c h k e i t  m i t  S c h w e i n s l e d e r aufweist.

Wie über so viele bekannte Dinge, sind auch über Menschenleder unrichtige Meinungen verbreitet. So ist es falsch, daß Menschenleder von Kalbleder kaum zu unterscheiden sei oder daß seine charakteristischen Erkennungszeichen das Vorhandensein kleiner, feiner Härchen in den Poren seien.

P a u l  K e r s t e n , der sich rühmt, der Erste gewesen zu sein, der vor etwa 20 Jahren in Deutschland Menschenhaut zu Einbandzwecken verarbeitet hat, macht über ihr Aussehen und ihre Verarbeitung folgende Angaben: „Die N a r b u n g  ist sehr schön und regelmäßig, und zwar ist sie eine Mischung derjenigen von narbigem Ziegenleder und von Schweinsleder, d. h., daß tiefgehende Poren wie bei Schweinsleder regelmäßig abwechseln mit saffianartiger Narbung. Der Rücken hat größere N a r b u n g  als die Flanken, die Bauchseiten. Die F e s t i g k e i t  ist sehr groß. Das S c h ä r f e n  ist etwas mühevoll wegen der tiefgehenden Poren: Sonst fühlt es sich wie jedes andere Leder an, und wer es nicht kennt, glaubt ungefärbtes (lohgares) Z i e g e n l e d e r  ( S a f f i a n )  vor sich zu haben. Beim Verarbeiten läßt es sich auch genau so behandeln wie dieses.“

Kersten hat insgesamt sechs Einbände in Menschenleder gebunden und aus einem andern Stück eine Brieftasche fertigen lassen. Diese und eines der Bücher gingen in den Besitz des Berliner Antiquars Paul Graupe über; ein zweites Buch kam in den Besitz eines Teplitzer Antiquars; ein drittes erwarb das Antiquariat Agnes Straub, Berlin; ein viertes besitzt Dr. Bogeng; ein fünftes wurde im Jahre 1913 auf der Ausstellung der Berliner Buchhandlung Reuß & Pollack verkauft an die Gattin des damaligen amerikanischen Botschafters in Berlin.

Wegen dieses Verkaufs entspann sich damals ein interessanter Prozeß, über den bisher nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Aus eigener Erinnerung sei hierüber folgendes berichtet: Kersten hatte der Berliner Buchhandlung eine Anzahl seiner Einbände zur Ausstellung überlassen, denjenigen in Menschenhaut aber nicht mit einem Preise gekennzeichnet. Die Gattin des amerikanischen Botschafters wollte, wie Amerikaner nun einmal sind, gerade dieses Buch kaufen — konnte sie doch in Amerika sagen, das allerseltenste Einbandmaterial der Welt zu besitzen. Die Buchhandlung nannte, da Kersten telephonisch nicht zu erreichen war, kurz entschlossen einen recht hohen Preis, den die Dame auch zahlte. Aber Kersten, dem an dem Verkauf nichts gelegen war, forderte einen noch weit höheren Preis, mit dem richtigen Hinweis, daß Menschenleder wegen seiner Seltenheit außerhalb jeder Wertschätzung stände. Die geladenen Sachverständigen, darunter Fachleute der Lederbranche, mußten zugeben, daß sie über den tatsächlichen Wert von Menschenleder keine Angaben machen könnten. Der Prozess endete mit einem Vergleich; Reuß & Pollack mußten noch über den von ihnen erzielten Preis erheblich draufzahlen.

Welche Einbände in Menschenhaut sind sonst noch bekannt? In der Zittauer Ratsbibliothek gibt es eine vollständig gegerbte Menschenhaut, die von einem Räuber stammt. Auf der Göttinger Bibliothek befindet ein Exemplar des „Hippokrates“, in Menschenhaut gebunden. Der verstorbene Advokat Cheramy in Paris hinterließ zwei in Menschenhaut gebundene Bücher. das eine war — wer spürt nicht die Ironie? — „Was man Gutes und Böses von den Frauen sagt“ von F. Deschanel und eine Anthologe der Gedichte Anakreons, Ausgabe auf Chinapapier und gebunden in die Haut einer Negerin. Das letztgenannte wurde 1913 bei Drouot für 495 Fr. versteigert. Ein reicher Kaufmann in Cincinatti besitzt ebenfalls in F r a u e n h a u t  gebundene Bücher; das eine ist Sternes „Empfindsame Reise“, ebenfalls in die H a u t  e i n e r  N e g e r i n , das andere ist Sternes „Tristram Shandy“, in die H a u t  e i n e r  C h i n e s i n  gebunden. Im Jahre 1878 wurden in Paris Eugène Sues „Geheimnisse von Paris“, in Frauenhaut gebunden verkauft. Im Städtischen Museum Carnavalet zu Paris befindet sich ein Exemplar der „Constitution de la Republique française, de 1793“ (von Chausse in Dijon gedruckt), das in Menschenhaut gebunden ist. Auch Alfred de Musset und der belgische Minister Vegd sollen Einbände in Menschenhaut besessen haben.

Die H a u t  v o n  M ö r d e r n  hat wiederholt zur Herstellung wunderlicher Buchbinderarbeiten gedient. Vom Körper P r a w z i n i s  entnahm ein Anatomiediener einen Teil der Haut, aus der zwei Visitenkartentäschchen verfertigt wurden. Mit behördlicher Erlaubnis wurde die Haut des Mörders Campi zu Bucheinbänden benutzt. Im Atheneum in London bewahrt man die Prozeßakten des Mörders C o r d e r , in dessen eigene Haut gebunden, auf. Jacques Delilles Übersetzung von Vergils „Georgica“ wurde in D e l i l l e s  e i g e n e  H a u t  gebunden. Einer seiner Verehrer, der Rechtsanwalt Leroy, schnitt heimlich von dem Leichnahm (sic!) des Dichters zwei Streifen seiner Haut und ließ sie an den Einband des Buches anbringen. Dr. Wood in Philadelphia besitzt ein Buch von Allemand Kauffmann (sic!): „Zweihundert berühmte Männer“, das mit Willen des Verfassers in seine eigene Haut gebunden worden ist. Bekannt ist auch die Erzählung, nach der Camille Flammarion, der bekannte französische Astronom, als Vermächtnis einer Toten deren Schulternhaut erhielt, um sein neuestes Werk darin einbinden zu lassen. In der Privatbibliothek des Buchhändlers Dorbon in Paris gibt es ebenfalls ein in Menschenhaut gebundenes Buch; auf der Innenkante stand in Goldschrift: „Reliure de peau humaine“. Man sieht also, die Zahl der Bücher, für die Menschen buchstäblich ihre Haut zu Markte getragen haben, ist beträchtlich. Ernst Collin

(Ernst Collin in: Scherl’s Magazin. Sechster Jahrgang, Heft 1 Januar 1930. Berlin, August Scherl 1930)

 

Der erste authentische Bericht über Menschenleder in der Neuzeit bezieht sich auf den englischen Physiologen und Anatom William Harvey (1578–1657), der seine Studenten mit einer vollständigen Menschenhaut überraschte. Der aus Russland stammende englische Anatom und Büchersammler Anthony Askew (1722–1773) hat eine ganze Reihe anatomischer Werke in Menschenhaut binden lassen, die von der Mörderin Mary Raimann herrührte. Auch sein Zeitgenosse John Hunter(1728–1794) ließ seine Abbhandlung ueber die Hautkrankbeiten in die erfolgreich geheilte, dann aber offenbar nicht mehr benötigte Haut eines Patienten binden. Die Nationalbibliothek in Paris besitzt angeblich eine auf Pergament aus Frauenhaut geschriebene Bibel aus dem 13. Jahrhundert.

Um die Ehre der Bibliophilen zu retten: Es waren nicht nur Büchernarren, die Menschenhaut zu dekorativen Zwecken nutzten – auch andere Gewerke wurden in der „guten alten Zeit“ vom Schinder beliefert. Wem es unchristlich erscheinen will, Bucheinbände in Menschenleder zu fertigen, dem werden die folgenden Schilderungen vermutlich unter die Haut gehen oder zumindest eine die kunsthandwerkliche Verwendung erschwerende Gänsehaut verursachen.

Laut Herodot kultivierten schon die Skythen die Kunst, Menschenhaut zu gerben und ganz reizende Gebrauchsgegenstände daraus herzustellen. Auch die Assyrer pflegten ihre Gefangenen in großem Stil zu häuten, was auf Tonreliefs aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. sehr plastisch dargestellt wird. In einem Edikt brüstet sich der neoassyrische Herrscher Ashurnasirpal II damit, dass er nach einer siegreichen Belagerung seine Feinde geschunden und seine Triumphsäule ebenso wie die Stadtmauern mit ihren Häuten bezogen habe.

Im sächsischen Teil Britanniens mussten Verbrecher im frühen Mittelalter ein hyd geald zahlen, um ihre Haut zu behalten. Offenbar pflegte man im nichteuropäischen Inselstaat den bizarren Brauch, Verbrecher, die sich an Kircheneigentum vergangen hatten, ohne Haut vor ihrem Schöpfer erscheinen zu lassen. Diese Sitte wurde dann wohl im Laufe der Jahre dahingehend verfeinert, dass das solchermaßen gewonnene Leder einer weiteren Nutzung als Bezugsmaterial zugeführt wurde. Ein solcher Vorfall ist aus dem Jahr 1303 überliefert, als die Schatzkammer von Westminster Abbey ausgeraubt wurde. Im Laufe der Ermittlungen wurden 48 Mönche einem peinlichen Verhör unterzogen. Drei von ihnen gestanden schließlich, darunter der Sakristan und der Subprior. Sie wurden geschunden und ihre Haut wurde am Portal angenagelt, um potenziellen Nachahmungstätern die Flausen auszutreiben. Dichtung oder Wahrheit? Letzteres, denn tatsächlich fand man an englischen Kirchenportalen des hohen Mittelalters Hautreste, die mittels DNA-Analyse Menschen zugeordnet werden konnten und anhand derer sich nachweisen ließ, dass die Portale einst mit Menschenleder bezogen waren.

Doch auch hierzulande war man früher nicht zimperlich. Im mittelalterlichen Bayern vertrauten werdende Mütter gern auf die segensreiche Wirkung eines Menschenhautgürtels als magisches Geburtshelferlein.

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Head of Content, Head of Marketing.

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2 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Schüler,

    vielen Dank für Ihre Beiträge im ‘Netz’ zum Thema Bucheinband und speziell Paul Kersten. Im Hinblick auf einerseits Ihre vielseitigen Tätigkeiten und andererseits doch recht präzisen Kenntnisse zum Thema ‘Bucheinband’ würde ich gerne fragen, auf Grund welcher Ausbildung in der Buchbinderei Sie sich diese Kenntnisse erworben haben?
    Vor allem interessiert mich die von Ihnen bei den Pergamentbänden gebrauchte Vokabel ‘spanische Kante’, woher Sie diesen Begriff kennen? Ich frage deshalb, weil ich seit Jahren mich mit der Terminologie befasse, und für diese Kante sind tatsächlich verschiedene Begriffe in Umlauf.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Dag-Ernst Petersen

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    • Guten Tag Herr Petersen,

      ich fühle mich geehrt, dass Sie mir präzise Kenntnisse zugestehen; leider fallen diese tatsächlich eher spärlich aus: Ich habe keinerlei buchbinderische Ausbildung genossen und plappere lediglich nach, was ich als Sammler und Bibliophiler hier und dort zu dem Thema aufschnappe. Allerdings habe ich im Nachplappern berufsbedingt eine gewisse Expertise und wähle meine Quellen mit Bedacht.

      Der Terminus „spanische Kanten“ ist in Antiquariats- und Auktionskatalogen häufig anzutreffen. Wo ich ihn aufgeschnappt habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Adolf Baer verwendet ihn in seinem Beitrag „Einiges von Pergamentbänden“ (Archiv für Buchbinderei 1931, Bd. 31-32, S. 8):

      Sehr interessant sind die sogenannten englischen und spanischen Kanten, welche ebenfalls sich sehr werkgerecht mit Pergament arbeiten lassen. Sie sind wahrscheinlich die Überreste der früheren arabischen Einbände mit ihren zu Buchtaschen verlängerten Deckeln. Daß diese Kanten als Schutz für Goldschnitte gedient haben sollen, ist nicht sehr einleuchtend, da kein Grund besteht, nur die Vorderschnitte zu schützen. Sie dienen jedenfalls heute nur noch als eigenartiger Schmuck und geben einem Buche eine besondere Note. Zu ihrer Herstellung …

      Beste Grüße vom Bayerischen Wald in den Harz,
      Andreas Schüler

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