Catherina Godwin: Einer Fernen gewidmet

Catherina Godwin

EINER FERNEN GEWIDMET

Ferne Frau, ich weiß nicht, wo und wie du lebst, aber einmal mußt du in sein Leben treten.
Und er wird dich lieben, und du wirst ihn lieben, und so lausche denn: ich will dir von dir und ihm erzählen.

* * *

Er ist dir treu, viele hundert Frauen hat er gekannt. Er erzählt von ihnen wie von Eindrücken auf Reisen, die man nicht aus Passion unternimmt, sondern nur pour passer le temps.

Und alle diese Frauen, die gingen vorbei, ohne ihn zu berühren.

Er ist unberührt; ich fühle, wenn ich bei ihm bin, seine Treue, die mit Konsequenz und Zurückhaltung sich behauptet um der Einen willen.

Um der Einen willen, von der er nichts weiß, die in der Ferne lebt wie ein Traum, den er nicht träumt, und der unbewußt in sein Wesen überging.

Ich sehe, wie hartnäckig er geizt, nichts von Liebe, nichts von Güte herzugeben, um alles für die Eine, die Ferne aufzubewahren.

Manchmal bei einer kleinen nachlässigen Note von Güte, bei einer sonderbaren Regung von Rücksicht schaue ich befremdet und erschrocken auf sein Tun.

Ich habe mich an den stummen Kult, den er einer Fremden nichtsahnend wiht, schon so sehr gewöhnt, daß

 

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es mir wie ein gemeinsames Verbrechen und ein heimlicher Betrug an jenem Wesen scheint.

Seine Schroffheit, seine Verachtung, mit der er voller Perfidie die zarten Regungen der Empfindung verlacht, sind nur dazu da, die heimliche Sentimentalität zu verbergen, die im Grundgefühl seiner Seele der Erlösung wartet.

Wenn du dann nahst, wird er wähnen, durch dich ein Anderer geworden zu sein. Er war schon immer ein Anderer.

Der er heute glaubt zu sein, ist er nicht, sondern scheint er nur sich und den Vielen. — Ferne Frau, schau, wie er sich belügen muß Tag für Tag aus Treue zu dir. Komm! Schau, wie er alle an sich reißt und von sich stößt aus Treue zu dir. Komm! Schau, wie er gefühllos und kalt, wie er haltlos wird aus Treue zu Dir. Komm!

Du mußt ihm entgegengehen. Du mußt die Pfade zu ihm finden, denn er weiß ja gar nicht, daß er dir begegnen wird, und darum kann er dich nicht suchen. —

Um ihn war ein Aufbau von Härte, eine Schutzwand von Gleichgültigkeit eine Hülle von Stein, um all das melancholisch schmiegsame seines Wesens zu verbergen.

Wenn er dich lieben wird, werden alle Hüllen fallen; du wirst nichts mehr wissen von dem, wie er schien, du wirst ihn so sehen, wie er im Verborgenen ist.

Er wandert hier, er wandert dort, ruhelos getrieben

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von sich und der Welt, ziellos, zwecklos, belastet von der Schwere seines verborgenen Innenlebens, belastet von der Leichtigkait seiner äußeren tage.

Er braucht ein Heim, er braucht eine Leitung.

Wenn er am Ziel bei dir anlangt, wird er zum erstenmal begreifen, wie unglücklich und ruhelos er sich bisher gefühlt hat.

Und jener elegante junge Mann, der selbstherrlich hier und dort umherflaniert, sich in Premieren und auf Rennplätzen zeigt, der, ohne Konzentration, nicht weiß, in welche Stadt ihn seine Laune des Morgens treibt, der darf es nicht wissen. Vielleicht ahnt er gar nicht, wie unglücklich er ist, und wir dürfen es ihm nicht sagen.

Ferne Frau, wirst du das alles begreifen? wirst du verstehen, wenn er ganz fremd, ganz hilflos in dem neuen Menschen, den er zum erstenmal schutzlos bei dir hervorkehrt, wirst du dann verstehen, ihn so zart zu leiten, zu führen und zu behüten, wie es seine Hilflosigkeit verlangt?

Denn dann ist er noch wie ein ahnungsloses Kind, dem man plötzlich eine Seele schenkte, und das unroutiniert und ungeübt allein ins Leben muß.

Wirst du ihn denn so lieben können, wie es nötig für ihn ist? wirst du ihn beschützen können vor dem, der er gewohnt war zu sein? Vor allem, ferne Frau, schützen vor dir selbst?
Ja, wirst du das vermögen?

Bedenke, daß er stets mit Waffen einherging und zu-

 

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schlug, selbst zum Pläsier, und plötzlich ohne Waffen schutzlos in die Fremde geht als ein Neuer, Verwandelter, in dem er sich nicht wiedererkennt.

Ich sehe ihn scheu dir entgegengehen, — ein Verwirrter in seinem liebenden Gefühl.
Und angstvoll begleiten ihn meine Gedanken in ein Leben, von dem er noch keine Ahnung hat, wie schwer solches Leben zu leben ist, da man seine Gefühle waffenlos durch die Straßen der Gefühllosen trägt.

Sage, wirst du alles verstehen? sind deine kleinen Hände auch zärtlich und gütig und können sie schützen und nicht nur spielen?

Ferne Frau, ich wollte, du kämest bald. Unruhiger und verworrener wird sein Leben, nur du kannst ihn erretten.

* * *

Ferne Frau, ich will dir noch einen Vorschlag machen: wir wollen uns teilen. Wir wollen ihn beide behalten.

Erschrick nicht. Ich werde so teilen, daß du alles behältst und ich alles behalte, was ich besaß. Überlaß das Arrangement mir: Sieh, jener, der er bei dir sein wird, jener mit der Güte, mit der Liebe, mit der Seele, den kannte ich nie.

Ich ahnte ihn nur. Sofort habe ich bei solchem Ahnen seine Gefühle erstickt, denn jenen wollte ich nicht. Jener, wußte ich, ist dein.

Aber der, der mir ward, der mit der kalten Leidenschaft, mit der nachlässigen Zärtlichkeit, den behalte ich.

 

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Der flüchtet vor dir, in deiner Gegenwart, verwandelt sich durch seine Liebe zu dir.

Du bist die Einzige auf dieser Welt, die ihn nie kennen lernen wird und nie erobern.

Du, Arme, kannst nie wissen, wie reizvoll dieser ist. Um den hat er durch seine Liebe dich betrogen.
Es ist schön, daß er so scheint und anders ist, und es ist schön, daß er zu mir der ist, der er scheint.
Der, der dir werbend und bittend, durchdrungen von seiner Liebe, ins Antlitz schaut, dessen Blick gefällt mir nicht, ich brauche sein abgewandtes Profil, damit ich ihn en face begehre.

Und sollten selbst meine Gedanken in der Wirklichkeit Form gewinnen, sollte er für Momente zurückkehren, das wäre doch nicht der Mann, der dir gehört — und der dich liebt, — das wäre doch jener, den du nie kennen wirst und der mir gehört ud den vielen und der Gemeingut aller ist und der dir nie gehört.

Ferne Frau, glaubst du nicht auch, du könntest arglos mit mir teilen?

Vage sehe ich ein erstauntes schönes Gesichtchen. Was erzählt man dir da, wovon du gar nichts verstehst! Wozu denn auch solltest du verstehen? — Vor dir ist das Glück, mit euch geht das Glück von dannen, und eine kommt und bittet dich um die Scherben des Glückes.

So gib sie ihr doch.

Wisse, ferne Frau, ich möchte mit dir nicht tauschen.

 

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[In. Catherina Godwin, “Das nackte Herz”. München, Langen 1912, Kl.-8°, 174 Ss.]

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Lebt und arbetet in Berlin · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director, Head of Content, Head of Marketing. Vater von zwei Söhnen.

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