Catherina Godwin – Das Schlafmittel

Catherina Godwin

DAS SCHLAFMITTEL

Vor allem bemühe ich mich, mir zu sagen: Konzentration! Jetzt ist der Moment gekommen, jetzt wirst du vereinigt sein mit dem Manne deiner Liebe! Jetzt ist der Moment da, den du seit vielen Wochen herbeigewünscht hast.
Laß dich um Gottes Willen nicht ablenken von irgendwelchen Nebensächlichkeiten, von einem Schnörkel auf der Sofadecke, von einem Muster der Tapete.
Höre bloß nicht auf die Geräusche im Gange und mache jetzt keine unnützen Randbemerkungen über das Leben im allgemeinen.
Vor allem tue alles beiseite, was nicht zur Sache gehört.
Der Augenblick ist da! Die Phantasie begibt sich als Tatsache!
Bedenke! Es ist die Stunde der Freude, die Stunde der Wirklichkeit! — Bedenke — die gesteigerte Aufmerksamkeit ist erforderlich!! Mindere nicht die Bildkraft der Gegenwart durch die Vielheit deiner voltigierenden Gedanken!
Neben uns steht noch der kleine Mokka. der mir sonst so viel künstlichen Elan verschafft — und da beginnt das Sonderbare — es ist die Stunde der Freude — bedenke! — und langsam wird es mir so eigen — ganz behaglich — — .
Oh sio ganz behaglich — so freundlich. Bedenke! — es ist die Stunde der Wirklichkeit! — Pflichtgemäß entstehen auf Sekunden vor meinen Blicken einst erdachte Bilder der Leidenschaft, mit denen meine Phantasie meine

 

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wachen Nerven verfolgte — und dann verschieben sich die Bilder, sie werden matt — matt — erblassen — zwischen halb geschlossenen Lidern sehe ich dich mit schwachem Blinzeln — lüsterne Bilder? Leidenschaft? — Ach nein — nein, Zärtlichkeit, ach nein — und nur — ach, so behaglich. — Friedlich. — — — —
Die Lider sinken etwas mehr. Mir ist so angenehm, so ganz zufrieden, wunschlos.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Im Raum ist Stille. Ein wenig von der Stille ganz früherer Zeiten, wo es dämmerte und der Abend träge war und sich nichts draußen regte und die Welt schläfrig lag, und man saß um den Tisch herum, der schon abgedeckt war, und sah aneinander vorbei, man dachte gar nicht aneinander. Man dachte gar nichts, und es war gemütlich, und nur eine dicke Fliege brummte und saugte wichtig mit dem Rüssel an den Krumen, die noch hier und dort auf dem Tische lagen. Und dann flog sie fort mit einem kurzen Aufbrummen, flog um unsere Köpfe und kam wieder, und alle schauten gedankenlos darauf, wie sie am Zucker kroch, brummte und fraß und ihr Schatten neben ihr geschäftig über die weiße Tischdecke glitt.
Und dann sagte in die Stille des Zimmers hinein die Stimme meiner Mutter zu mir: — Kind, halte die Hand vor, wenn du gähnst, und reiß den Mund nicht so weit auf, er ist schon so groß genug. Und jetzt marsch ins Bett! —
— Wechselnde Szenen tauchen auf: Wiesen, bunte,

 

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blumige; glückliche Leute gehen darin, liebe nette Kinder spielen am Boden mit Steinchen, sie backen Kuchen aus Sand und Wasser: Sandpudding – Das habe ich immer so gerne gespielt und dazu stets die guten Blechformen aus der Puppenküche genommen. Das schönste war der Fisch, der wurde gerade wie Schokoladenpudding. Aber da mußte man viel Wasser zunehmen, und dann hat das Kinderfräulein immer geschimpft, daß ich die Formen so beschmutze und die schönen Kleider auch. — Wenn die Straßenkehrer auf der Straße, nachdem es geregnet hatte, den Schmutz mit einem Brett so vor sich herschoben, das hat mir immer riesig imponiert; — ich habe mir damals so sehr gewünscht, es auch einmal zu tun, und bin doch nie dazu gekommen. — Aber nasse Füße kriegt man sicher, und gut zu Fuß muß man auch sein … Viel laufen habe ich nie können … mit zwei Jahren habe ich erst angefangen … na, ich war ja so dick, — aber wirklich hübsch— und die Locken! … das war auch angenehmer als das ewige zum Friseur laufen und ondulieren und aufwickeln … Habe ich denn die Haare aufgewickelt? Oder habe ich das vergess — — Eine Bewegung, — ich fühle, wie mein Herzschlag fast aussetzt und dann in dumpfen Schlägen hämmert. — Mein Gott —! ÷ wie konnte ich nur vergessen, ich bin doch nicht allein!! Wie konnte das geschehen?!? ist denn das möglich!?! Wie bei einer entsetzlichen Schuld ertappt komme ich mir vor! — ott, wie ist denn das nur möglich! — — ! — —

 

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Ich bewege ein wenig den Arm. Schwer liegt er, als könnte er sich nicht rühren und weigerte sich, noch eine Bewegung zu machen. Aber natürlich… ja, das ist doch nicht möglich — ! — ich werde — das ist ja gar nicht möglich — diese Müdigkeit! — das muß sogleich vorüber sein — ich werde aufstehen — im Zimmer auf und ab gehen — noch eine Tasse Mokka trinken — und werde dann ganz bei der Sache sein. Ich habe doch sonst nicht solche Zustände! Ich, die ich nie einschlafen kann und so an Schlaflosigkeit leide!
Er hat es natürlich bemerkt und ist viel zu höflich, mich zu stören. Ich werde also jetzt aufstehen und ein Glas Wasser trinken und etwas Eaus de Cologne auf die Stirn tun, ich werde — — nein — — ich werde — — also ich werde noch fünf Minuten ausruhen — — — — — in fünf Minuten wird alles vorüber sein, und dann nach fünf Minuten muß ich ganz ausgeruht sein. — — Gott, wie ich ihn liebe! aber gewiß — — wie ich mich nach ihm gesehnt habe!! — — ich will jetzt daran denken wie alles in fünf Minuten und was alles in fünf Minuten — — wenn ich ausgeruht bin — — nein, ich werde jetzt nichts denken, denn das ruht mich nicht aus … Gar nichts denken. Aber so müde!! — Müde … — …  Auf fünf Minuten kommt es schließlich nicht an, also jetzt still — — fünf Minuten Pause … In fünf Minuten muß ich dann absolut wach sein. In fünf Minuten, keine Sekunde länger — — nein. — —

 

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… Und die Mama stellt die Lampe mit dem roten Schirm fort und geht auf den zehen in Filzpantofeln, und des Arztes tiefe Stimme sagt leise und tröstend: Nun wird es besser werden, beruhihen Sie sich gnädige Frau, das Fieber läßt nach, die Kleine schläft schon. —
– Ich habe es aber ganz genau gehört. Ich habe gar nicht geschlafen, — es ist nicht wahr, — ich habe nur so getan, — jawohl, — ich war ganz wach, … jawohl, — ich bin ganz wach — — ganz wach — — .
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Kleine Säuglinge, die mit zerschrienen Gesichtchen plärrten, schlafen ruhig und gesättigt in den Armen ihrer Ammen. Zufriedene Menschen machen ein Nickerchen nach Tisch … der Kopf, ach, er baumelt nach rechts, der Kopf, er baumelt nach links, da mußte ich immer lachen und begriff es nicht … Ach so behaglich — — und Friede und Ferne — — und alles fern, fern alle Wünsche, alle Sehnsucht nach Leidenschaft, Säugling, kleiner, lieber, artiger Säugling, dem alles gleich ist, ganz gleich — —
— Sie schlafen ja, — sagt beleidigt eine Stimme, und zwei Augen leuchten blau und erstaunt.
— Aber nein, erwidere ich und zerre an meinen Lidern, — aber nein …
Ich rühre mich ein bißchen … wie bin ich müde! Maßlos müde. Ja, wie ist denn das nur über nmich gekommen? Mir ist, als wäre nun die Stunde, wo ich Ersatz schlafen könnte für viele ungeschlafene einsame

 

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Nächte. Ach, hätte ich einmal diese Müdigkeit, wenn ich alleine bin!
Mir ist, als wären alle Kräfte aufgezehrt vom weiten enervierenden Weg der Sehnsucht nach dir, die am nahenden Ziel keine Spannkraft mehr zur Erfüllung hat und nur den Frieden der endlichen Ruhe fühlt.
Eine stille, freundliche, schläfrige Poesie kriecht durch das Zimmer; Schlafhauben, Zipfelmützen sehe ich, Menschen, die so fest schlafen, daß man hartnäckig an ihre Türe trommelt, und sie wachen nicht auf. Zipfelmützen, die nicht wissen, daß andere viele Stunden schlaflos liegen.
Die Zipfelmützen, die wissen es nicht, die wollen schlafen.
Die Nachthauben interessiert es nicht, die wollen schlafen.
Die Säuglinge, die wollen schlafen.
Ich will auch schlafen!
— Verzeihen Sie, — sage ich, — verzeihen Sie, ich weiß nicht, was mit mir ist, die Reise oder so — ich fühle mich plötzlich so schrecklich abgespannt — Sie entschudigen doch – Sie sind nicht böse? Ich habe Sie so lieb! … aber wir sind ja morgen noch zusammen —
Und ich warte mühsam, bis die Türe zum Nebenzimmer sich schließt, und schlafe. Schlafe.
In einem fort. Schlafe, ein maßloses Schlafpulver in den Gliedern. — Schlafe — und höre dazwischen aufschreckend die Hotelklingeln schellen — schlafe, schlafe.
Verschlafe die ganze geträumte, gewollte, ersehnte Wirklichkeit, verschlafe sie. — und höre dazwischen im Neben-

 

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zimmer den Mann, um dessentwillen ich viele Nächte einsam wachend lag, und denke dabei halbwach: — ach was, ist mir gleich, — mag er denken, was er will, — ich schlafe. —

 

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(In: Catherina Godwin, Das nackte Herz – München, Langen 1912. Kl.-8°, 174 Ss.)

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Lebt und arbetet in Berlin · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director, Head of Content, Head of Marketing. Vater von zwei Söhnen.

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