Rudolf Schiestl: Der Tod von Basel

Der Tod von Basel

– ein bitterböses Gedicht über die Freuden der Ehe. Es findet sich als Volkslied in Simrocks Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter (1837 bei Max Hesse).

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ich ein junger Geselle war, nahm ich ein steinalt Weib;
Ich hatt‘ sie kaum drei Tage, da hat’s mich schon gereut.

Da ging ich auf den Kirchhof und bat den lieben Tod:
Ach, lieber Tod von Basel, hol mir meine Alte fort.

Und als ich wieder nach Hause kam, mein‘ Alte war schon tot:
Ich spannt‘ die Ross‘ an Wagen und fuhr meine Alte fort.

Und als ich auf den Kirchhof kam, das Grab war schon gemacht:
Ihr Träger tragt fein sachte, daß d’Alte nicht erwacht.

Scharrt zu, scharrt zu, scharrt immerzu: das alte böse Weib,
Sie hat ihr Lebetage geplagt mein’n jungen Leib.

Und als ich wieder nach Hause kam, all‘ Winkel war’n mir zu weit,
Ich wart’te kaum drei Tage und nahm ein junges Weib.

Das junge Weibel, das ich nahm, das schlug mich alle Tag‘:
Ach, lieber Tod von Basel, hätt‘ ich meine Alte noch!

Der fränkische Grafiker und Glasmaler Rudolf Schiestl setzte dem Tod von Basel ein Denkmal. Er schuf eine Reihe von 8 Holzschnitten zu dem derben Lied, die 1924 bei Fritz Heider in Berlin-Zehlendorf in limitierter Auflage herauskam. Neben der hier abgebildeten Vorzugsausgabe in Ganzpergament von 50 Exemplaren wurden 600 Exemplare in Halbpergament sowie eine größere Auflage in französischer Broschur bei Otto von Holten auf der Pan-Presse gedruckt.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen erlebte der Holzschnitt in der deutschen Buchillustration eine kleine Renaissance. Das urwüchsig-expressive Hochdruckverfahren eignete sich bestens für die Herstellung begrenzter Auflagen und entsprach dem ästhetischen Empfinden einer zunehmend deutsch-nationalistisch geprägten Gesellschaft, die sich mit einer verklärten und verklitterten Bauernkriegsromantik identifizierte.

Nur wenige Künstler erreichten dabei in dieser althergebrachten Technik eine Qualität, die handwerkliches Können mit originärem Duktus und einer dem Medium gerecht werdenden Expressivität verbanden. Neben dem allgegenwärtigen und allerdings keineswegs deutschtümelnden Bruno Goldschmitt mit seinen zerrigen, muskulösen Männergestalten und dramatischen Schattenrissen haben vor allem die von germanischer Mythologie inspirierten Schnitte von Klaus Wrage und einige Werke des Grafikers und Glasmalers Rudolf Schiestl Bestand.

Der 1878 in Würzburg geborene Rudolf Schiestl besuchte die Volksschule, bevor er mit 11 Jahren wie seine beiden Brüder Heinz und Matthäus bei seinem Vater, einem Zillertaler Bildhauer, in die Lehre ging. Dort restaurierte er kirchliche Plastiken, zeichnete nach Vorlagen alter Holzschneider und Kupferstecher und gab sich schon früh dem Naturstudium in seiner fränkischen Heimat hin. Ab 1896 besuchte er die Münchner Akademie der Bildenden Künste, wo er bei Franz von Stuck die Malklasse besuchte. 1899 arbeitete er in Innsbruck als Glasmaler. In der Folgezeit führte er teils in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Matthäus unterschiedliche Auftragsarbeiten in der Pfalz aus, zeichnete Sammelbilder für den Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck und entwarf als Gebrauchsgraphiker Steinzeichnungen, Illustrationen und Plakate. Bis 1910 hatte er sich einen solchen Ruf erschaffen, dass er eine Grafik-Professur an der Nürnberger Kunstgewerbeschule erhielt. Aus dieser Zeit stammen seine besten Malereien und Radierungen sowie eine Vielzahl von Akzidenzarbeiten.

Im Kriegsjahr 1916 heiratete er eine seiner Schülerinnen, die Schriftstellerin Margarete zur Bentlage, um kurz darauf an die Front in Elsass-Lothringen einberufen zu werden. Er engagierte sich als künstlerischer Leiter verschiedener Kriegszeitungen in Lille und Brüssel. nach Ende des Krieges befasste er sich zunehmend mit Radierungen und Holzschnitten. Bereits 1921 stand er mit Fritz Heider in Kontakt, um den „Der Tod von Basel“ vorzubereiten, der drei Jahre später von Originalstöcken auf der Pan-Presse abgezogen wurde. Ferner illustrierte er mehrere Hefte der Reihe „Der deutsche Spielmann“. Er starb 1931 in Nürnberg und wurde auf dem Johannisfriedhof in der Nähe von Albrecht Dürer beerdigt.

Eine der umfassendsten Schiestl-Sammlungen, aus der auch das hier gezeigte Exemplar stammt, befand sich im Besitz von Gustav Schickedanz. Wem die Holzschnitte Schiestls gefallen, sollte nach der broschierten Ausgabe Ausschau halten (oder bei mir nachfragen). Sie ist auf ordentlichem Papier mit guter Schwärze gedruckt und wird in ihrer einfachen Aufmachung dem Stil Schiestls gerecht.

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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