Vom plötzlichen Verschwinden des Buchbinders Carl Sonntag jun.

Spekulationen, alles nur Spekulationen!

Über die Gründe für das abrupte Karriereende des wohl am höchsten geschätzten deutschen Buchbinders seiner Zeit lässt sich trefflich spekulieren. Und genau das tun die wenigen Experten, die sich mit dem Leben und Wirken Carl Sonntags jun. befassen. So äußert der Antiquar Christian M. Nebehay, Sohn von Carl Sonntags Schwester Maria (genant Mary) die Ansicht, sein Onkel sei kein Geschäftsmann gewesen und habe seine Einbände unverhältnismäßig günstig angeboten; darüber hinaus habe es nur wenige Abnehmer für hochwertige Einbände gegeben. Seine Ausführungen fasst er wie folgt zusammen:

„Das Problematische seines Unternehmens lag in dem Umstand, daß es sich um eine Werkstatt handelte, die sich nicht durch das Hereinnehmen größerer Aufträge ein solides Rückgrat schaffen konnte, sondern lediglich Buchbindearbeit für die ,happy few’ durchführte.“

(Christian M. Nebehay: Die goldenen Sessel meines Vaters. Wien, Brandstätter 1983).

 
Den Ausführungen Christian M. Nebehays schließt sich die Leipziger Bibliothekarin Helma Schäfer an:

„Als Carl Sonntag jun. 1913, vor der Eröffnung der Weltausstellung für Buchgewerbe und Grafik in Leipzig seine Werkstatt (…) schließen musste, war dieses persönliche Scheitern zugleich ein Eingeständnis, dass es in Deutschland die von Carl Sonntag jun. erhoffte Kundschaft für den modernen Einband nicht gab. Der spätere Versuch, 1930 in Berlin nochmals eine Buchbinderwerkstatt für gehobene Ansprüche zu betreiben, war angesichts der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland von vornherein zum Scheitern verurteilt. (…) Trotz der Gründung bibliophiler Vereinigungen in Deutschland fehlten jedoch die begüterten Auftraggeber, die bereit waren, ihre Bibliotheken mit klassischer Literatur in ästhetisch gestalteten Handeinbänden auszustatten. Der Schwerpunkt lag in Deutschland auf dem modernen, nach Entwürfen von Buchkünstlern gestalteten Verlagseinband bzw. dem in Handbindeabteilungen der Großbuchbindereien handwerklich hergestellten Sortimentsband.“

(Ein deutscher Buchbinder par excellence – Carl Sonntag jun. (1883 – 1930).
In: Kieser/Schlenker (Hrsg.): Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte 2013, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Monumente-Publikationen, Bonn 2013, Band 20, S. 84 ff.)

 
Doch war dies wirklich der Fall? War auf dem deutschen Markt wirklich kein Platz für einen Kunsthandwerker vom Format eines Carl Sonntag?

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Lebt und arbetet in Berlin · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director, Head of Content, Head of Marketing. Vater von zwei Söhnen.

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