Erard Wurster-Wester (1868–1937)

Erard Wurster-Wester

Erard Wurster-Wester

* 13. 06.1868 · † 07.08.1937

––– Er war ein notorischer Pechvogel, aber er ließ sich nicht unterkriegen. Er ging als Siebzehnjähriger in den Wilden Westen, war Schaf-Rancher und Pferdezüchter, bereiste als Handlungsreisender alle Kontinente, wurde Direktor von Sinalco, schlug sich als Gemüsehändler und Schrottsammler durch, überlebte einen Krieg und zwei Schlaganfälle und starb als armer Mann…

Erard Wurster wurde am 13. Juni 1868 in Straßburg als Sohn des Tuch- und Papierfabrikanten Ludwig Wilhelm Gottlieb Wurster aus Wangen/Stuttgart und dessen Ehefrau Elisabeth, geb. Wagner aus Weidenthal bei Neustadt an der Weinstraße geboren. Er war ein Onkel mütterlicherseits von Catherina Godwin.

Einen Tag nach seinem siebzehnten Geburtstag im Jahr 1885 wanderte Erard Wurster, wie 9 Jahre zuvor sein Bruder Louis, in die USA aus. Seinen Nachnamen änderte er ebenso wie seine Schwester Emilie und später sein Bruder Theophil in Wester. Dennoch trat er in den ersten Jahren in den USA ausschließlich unter dem Namen Woorster auf, auch im Testament seines Bruders Louis wird er so genannt. Erst nach Erlangen der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft verwendete er den Namen Wester; auch offiziell wurde er daher zunächst unter Woorster, vereinzelt auch Wooster, später unter dem Doppelnamen Wurster-Wester geführt.

Wild, Wild West: Als Rancher in den Dakotas

Vermutlich hielt sich Erard Wurster zunächst bei seinem älteren Bruder Louis in New York auf; der Antrag auf Einbürgerung vermerkt für ihn und den als Zeugen auftretenden Louis die selbe Adresse (228 W 42nd Street, direkt am späteren Times Square). Im Jahr 1888 beschloss Erard Wurster, sein Glück als Viehzüchter im Westen zu suchen. Er gründete seinen Homestead in Gayton, Emmons County, im heutigen North Dakota. Der Ort, der nach Anstauung des Lake Oahe 1962 untergegangen ist, lag am linken Ufer des Missouri River direkt gegenüber der Mündung des Cannonball River. In den Jahren 2016 und 2017 blickte die Welt auf Erard Wursters Stück Amerika – es handelt sich exakt um die Parzelle, auf dem die Dakota Access Pipeline den Missouri River unterwandert. Monatelang protestierten Umweltschützer und ansässige Native Americans vom Stamm der Lakota Sioux im Camp Oceti Sakowin in der Standing Rock Indian Reservation gegen das Vorhaben. Sie erreichten einen Baustopp… – der allerdings mit Amtseintritt von Präsident Trump wieder aufgehoben wurde.

Hier, im ziemlich extremen Klima der Dakotas, baute sich Erard sich eine Ranch auf. Er züchtete Schafe und Clydesdale-Stuten, übernahm zeitweise das Amt des Post Officers, war in kürzester Zeit weit und breit bekannt und stand in hohem Ansehen, wovon zahlreiche Zeitungsartikel in der Bismarck Tribune zeugen.

Unfortunate Woorster!

Als Erard Wurster im Jahr 1890 beschloss, umzusiedeln und seinen Betrieb zu vergrößern, traf ihn ein unfassbarer Streich des Schicksals: Am 18. April 1890 zerstörte ein Präriebrand die riesige Farm, die er gerade von John W. Scott gekauft hatte, am selben Vormittag, an dem der Kaufvertrag in Kraft getreten war. “The flames destroyed everything within reach, and the loss is very heavy”, so die Tribune unter der Überschrift “Unfortunate Woorster”. Glücklicherweise war sein Viehbestand noch nicht vor Ort, so dass sich Erard recht schnell von dem Verlust erholte. Doch auch in der Folgezeit hatte er es nicht gerade leicht; die Zeitung berichtet von seinem Kampf gegen Viehdiebe, Überschwemmungen und andere Widrigkeiten. Dennoch erlöste er für seine Wolle im Jahr 1891 den stattlichen Betrag von 5000 Dollar, was einer heutigen Kaufkraft von etwa 132.000 US$ entspricht. Im Jahr 1892 hatte er über 6500 Schafe, die ihm je 7 Pfund Wolle lieferten. Er überwinterte 1400 Mutterschafe, was ihn etwa 50 Cent pro Kopf kostete, und gewann dadurch 1200 Lämmer, woraufhin er sein jährliches Wachstum auf 85 bis 90 Prozent schätzte. Die Tribune berichtet auch, dass Erard im Oktober 1892 eine riesige Herde nach Bismarck trieb, um sie in 10 Bahnwaggons zum Verkauf in den Osten zu verfrachten: “Bystanders said the 2,400 sheep Erard Woorster shipped Friday were the finest flock they had seen in North Dakota.”

Ab 1893 war Erard zusätzlich als Agent für eine Wollspinnerei tätig und wickelte den Wollankauf mit den Farmern ab. Im November 1894 verkaufte er seine Farm in Gayton an Charles McIntyre, einen der »Alten« am Ort, um nach New York zu ziehen. Dennoch war er bis 1897 weiterhin ständig vor Ort, unternahm Jagdausflüge, betätigte sich als Pianist und musikalischer Leiter bei örtlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen, griff einem gewissen Fräulein Katie Kern vom Sheridan House hilfreich unter die Arme und verklagte einen Ed Holland auf Schadenersatz, weil dieser ihn des Pferdediebstahls verdächtigt und auf diese Weise für einige Tage unschuldig hinter Gitter gebracht hatte.

Vom Cowboy zum Weltreisenden

Die Winter verbrachte Erard Wester in New York City bei seinem Bruder Louis, der dort als Junior-Partner im Tuchhandelsunternehmen H. :H. Schwietering tätig war und in den besten Kreisen verkehrte. Auch Anfang 1898 hielt sich Erard wieder bei ihm auf – es war wohl das letzte Mal, dass er Louis lebend sah. Am 5. November 1898 wurde Louis Wurster am Waverley Place Ecke Broadway, Manhattan, von einem Lastwagen überfahren und erlag im St. Vincent’s Hospital seinen Verletzungen.

Im Mai kehrte Erard nach Gayton zurück, scheint aber noch im selben Jahr seine Zelte in North Dakota endgültig abgebrochen zu haben. Nach dem Tod des Bruders wohnte er in Brooklyn und arbeitete als Handlungsreisender für Masson & Co., New York, in deren Auftrag er sich im Oktober 1899 an Bord der Empress nach Japan begab. Bis 1911 war er dann laufend auf Reisen. Neben Wohnsitzen in New York, San Francisco und San Diego sind Aufenthalte in Straßburg, Brünn, Bremen, Berlin, Paris, Birmingham und Russland nachweisbar. Spätestens ab 1908 war er bei der Sperry Flour Company in San Francisco beschäftigt.

Im August 1904 war Erard als Trauzeuge seiner Nichte Marie Devaux in Straßburg; im darauf folgenden Frühjahr absolvierte er einen wahren Reisemarathon. Am 10. Mai in New York gelandet, heiratete er am 17. Juni im über 5000 km entfernten San Francisco eine 20 cm größere rothaarige Schönheit namens Josephine Hock. Einem Zeitungsartikel zufolge planten die beiden, während ihrer Flitterwochen Mexico und Kanada zu bereisen, um im August nach Europa aufzubrechen. Im November 1905 war er wieder in Straßburg, um auch bei der Heirat von Emmie Klara de Vargas Studemund (Catherina Godwin) als Trauzeuge zu fungieren.

Äußerst merkwürdig: Erard wird Sinalco-Direktor

Im Januar 1908 wird Erard Wester gemeinsam mit Heinrich Blecher und Richard Zademack als erster Direktor der neu gegründeten Sinalco AG genannt (Chemiker-Zeitung, Jg. 1908, Bd. 32, S.105). Der Gründungsbericht der Sinalco AG wirft etwas mehr Licht auf seine Rolle: Offenbar fungierte Erard Wester ebenso wie Blecher, Zademack und Sinalco-Wirtschaftsprüfer Franz Kohlhase als Strohmänner für den eigentlichen Inhaber Franz Hartmann; jeder von ihnen hielt zwei Aktien zu 1000 M, Hartmann hingegen stattliche 92 Aktien. In der Folge taucht Erard Wester nicht mehr in diesem Zusammenhang auf, seine Aktien hat er an Hartmann zurückgegeben, und bereits im Juni desselben Jahres werden in Prozessakten nur noch Zademack und Blecher erwähnt.

Im Folgejahr dürfte Erard an der Beerdigung seiner Nichte Marie Devaux in Kreuznach teilgenommen haben, Belege fehlen jedoch; erst im August 1910 finden wir ihn wieder gemeinsam mit seiner Frau Josephine auf der Rückreise in die USA.

Ausgesperrt: Erard sitzt in Europa fest

Nach Schlaganfällen 1911 und 1912 partiell gelähmt, kam Erard Wester im April 1914 auf Anraten seines Arztes zur Kur nach Baden-Baden, während seine Frau in San Fancisco blieb. Während des ersten Weltkriegs wurde er von deutschen Soldaten misshandelt und erlitt einen Nervenzusammenbruch, der eine dauerhafte Nervenschädigung nach sich zog. Mittlerweile völlig verarmt, versuchte er nach dem Krieg u. a. als Gemüsehändler in Hamburg und als Schrottsammler in Straßburg, die Mittel für die Rückkehr nach Kalifornien aufzubringen. Seine Frau Josephine geb. Hock wird in Adressbüchern ab 1920 als Witwe geführt.

In seinem Passantrag hatte Wester angegeben, den Pass für den Grenzübertritt nach Deutschland zu benötigen, um seine mittlerweile über 90-jährige, bettlägerige Mutter in Baden-Baden zu unterstützen und den günstigen Wechselkurs für seine eigene Versorgung nutzen zu können; von Rückkehrplänen war keine Rede mehr. So sah es der zuständige Beamte in Kehl denn auch als unwahrscheinlich an, dass Wester jemals die Mittel für eine Rückkehr in die USA aufbringen und dort seinen Lebensunterhalt bestreiten können werde. Obwohl das Konsulat in Hamburg dieser Empfehlung aus Kehl nicht folgte und Erard Wurster-Wester einen neuen Pass ausstellte, kehrte dieser offenbar nicht mehr in die USA zurück. Er starb am 8. August 1937 in Straßburg im Alter von 69 Jahren und hinterließ keine Nachkommen.

Erard Wurster auf seiner ”Sioux Ranch“ bei Gayton, Emmons County, N.D., um 1892

Eltern:

 
Ludwig Wilhelm Gottlieb Wurster
* 27.06.1820 in Wangen/Stuttgart
† 14.01.1890 in Baden-Baden

Elisabeth Wagner
* 16.09.1834 in Weidenthal
† 17.09.1926 in Baden-Baden

Geschwister:

Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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