Hyazinth. Novelle von Catherina Godwin.

So sind die Menschen: erzählt man ihnen einmal eine originelle Wahrheit, so glauben sie, alles sei nur sensationelle Mache!

„Als wir mit dem Flugzeug im Hotel Ispania landeten, denken Sie, wen ich am Rande des Urwaldes traf? Den totgesagten Hyazinth!!“
„Baronin scherzen!“ Man glaubte weder an den lebenden Hyazinth, noch an die tragische Todesursache des Barons. Ausgerechnet eine Kobra sollte ihn gebissen haben! Wahrscheinlich war er ihr durchgebrannt!

Die Witwe lief in die größte Tageszeitung. Ließ sich beim leitenden Direktor melden, ließ sich bei dem Großindustriellen melden, der die politische Meinung der Zeitung finanzierte. Man hielt die Hyazinth-Affäre für Bluff. Hatte die Dame vielleicht eine Freilichtaufnahme, hatte sie irgendwelche greifbare Beweise? Nein, Fea hatte keine anderen Beweise als ihre schlaflosen Nächte. Sie lief zu Hyazinths Verleger, der jedoch so ein großer Herr geworden war daß er nicht selbst empfing. Fea teilte ihm die sensationelle Neuigkeit durch Einschreibebrief mit: Am Rande des Urwalds saß Hyazinth, beim Hotel Ispania, ganz nahe der Kobra, er war ohne Hemd und trug einen von Negerhand geflochtenen Riesenhut.“ Der Verleger ließ durch seinen Generalsekretär für die freundliche Anregung danken. Er konnte nicht ganz verhehlen, daß die Idee ihm etwas primitiv erscheine; man dürfe das Publikum nicht unterschätzen, so schrieb der wohlwollende Mann.

Fea entsann sich plötzlich, daß Fräulein Isa um Hyazinths Willen starb. Sie war nicht gewillt, sich gleichfalls zu opfern. Sie ordnete die Erbschaft des Barons und begann, Halbtrauer zu tragen.

Der einzige, der sich kränkte ob des törichten Gerüchtes, das rasch durchsickerte, war der Filmstar Hyazinth, der falsche Hyazinth, der so erfolgreich den echten auf der Leinwand mimte. Er hatte sich an seinen Weltruhm gewöhnt, er hatte den Namen „Hyazinth“ als Pseudonym beibehalten, ja, das breite Publikum vergaß den Dichter und lobte nur noch den Mimen.
Auch der falsche Hyazinth war Globetrotter geworden. Auch er durchquerte Kontinente, lehnte dekorativ in den Klubsesseln der internationalen Hotels. Er ließ sich sehen. Und es lohnte sich. Er war ein schöner Mann, dessen Leere gefiel. Ihn zu erringen, war der Traum ungezählter Frauen. Er war ein Herr mit Rieseneinkünften und hielt sich für den größten Darsteller. Er war es ja, der den Toten erst verlebendigte! In erhöhter, verschönter Potenz; dies bewiesen die wenigen Photographien, die man von dem verstorbenen Dichter noch kannte. Schließlich, was war es schon, ein paar Gedichte zu schreiben! Das macht jeder Primaner. Der Filmhyazinth glaubte, daß das Dichten eine Angelegenheit von unreifen, unglücklichen Menschen ist, und alle diese drei Zuständevermeidet ein Kavalier.

Der falsche Hyazinth, den wir der Verständigung wegen nun Hyazinth II nennen wollen, zweifelte nicht, daß Hyazinth I Selbstmord verübt hatte. Denn es ist eine Eigenart genialer Menschen, daß sie es meist zu nichts bringen. Sie beherrschen nicht ihr Talent, sie sind vom Genie besessen.

So dachte Hyazinth II, und man sieht, daß er auch zuweilen dachte. Aber er hatte den Geist nicht nötig und warf im geheimen die Frage auf, ob der Geist nicht eine Angelegenheit zweitklassiger Leute sei. Er kam dazu aus der Weisheit, die er der Filmleinwand entlieh, daß Vornehmheit sich in knappen Gesten genügt und des lauten Wortes entbehrt.
Und dann die Arbeit! Hyazinth II gähnte und streckte seine schönen Glieder. In welcher Epoche der Arbeitsüberschätzung leben wir! Einst ließ der große Herr den kleinen Mann für sich schaffen. Heute will der große Mann selbst ein Arbeiter sein und darum achtet ihn der Arbeiter nicht mehr. So dachte Hyazinth II, den Politik gar nicht interessierte. Denn ein Mensch, der es sich leisten kann, fühlt gerne international. Ja, wer es sich leisten kann, dem gehört die ganze Welt und er besiegt sie überall.

Man rede uns nicht ein – dachte der Verwöhnte –, daß die vielen verschiedenen Regierungspaläste der Staaten uns wahrhaft regieren. Uns regieren die kosmopolitischen Hotels, die in allen Staaten gleich sind. Da machen die Ladies Politik auf ihre Weise und bestimmen den Weltmarkt. Man schimpfe nur nicht auf das Mondäne! Hyazinth II wußte, daß etwas dahinter steckt. Man schwatze nicht immer von Hohlheit und Schminke und Snobismus! Diese Herrschaften, teils echt, teils falsch – wer will es noch unterscheiden? – verraten immerhin einen Ehrgeiz: das Parkett zu beherrschen und Diktatoren der Gegenwart zu sein!
Und das imponierte Hyazinth II, weil er sich selbst imponierte.

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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