Hyazinth. Novelle von Catherina Godwin.

Isa preßte ihr kindliches Gesicht an die Fensterscheibe. Ihre Augen blickten starr aufgerissen, als probe sie die Großaufname zu einem Sensationsfilm. Hyazinth tot! Hyazinth! Für sie war er schon seit Monaten tot, seitdem er sie verlassen. Sollte sie weinen? Nein, sie hatte so viel um ihn geweint. Ein scheues Lächeln erblühte auf ihren Zügen. Nun gehörte er keiner anderen mehr, gehörte ihr wieder allein!

Während Fea schluchzte, so daß ihr Gatte glaubte, eine jähe Nervenkrise habe die Lebenslustige befallen, lächelte Isa und tänzelte, den Band Gedichte von Hyazinth in der Rechten, auf überhohen Absätzen in die Großstadtstraßen hinaus. Wenig nur stand in dem Büchlein, aber ein kleines Liebesgedicht, das war auf sie verfaßt, das gehörte ihr, ihr ganz allein.
Um die gleiche Stunde las auch Fea mit tränenglänzendem Blick das gleiche Gedicht. Das war nur für sie, und noch andere lasen es und wußten: dies eine kleine Liebesgedicht gehörte nur ihnen ganz allein.

Die Verleger von Hyazinth – drei schmale Bände hatte er geschrieben – überlegten zu dieser Stunde, wie des Dichters frühes Ende geschäftlich auszubeuten sei. Man kannte den Modernen nur in erlesenen Kreisen, genoß seine Worte als parfümiert und undeutbar berauschend. Allerdings, für Dichter wie Hyazinth war das Büttenpapier ausgegangen. Aber nun sollte er populär werden!

Hyazinth hatte seine Arroganz abgelegt. Er kaufte im fernen Land billige Manuskriptbogen und wollte sein Leben rückwirkend gestalten. Denn irgendwer verfasste vielleicht über ihn einen törichten Nekrolog.
Den Nekrolog wollte er selbst schreiben und anonym der Hauptzeitung seiner Vaterstadt senden. Hyazinth kaute am Bleistift wie ein Schüler. Das ist die Tragödie des Schaffenden: er muß sich stets in das Publikum übersetzen. Muß die Wirkung von außen prüfen, anstatt nur sein Innerstes zu geben.

Endlich warf er den Bleistift weg. Er war nicht mehr gesonnen, bei diesem Kompromiß noch mitzutun! Er war auf der Fläche ein Mann des Parketts gewesen, gewandter Sportsmann und dennoch heimlicher Philosoph, Mann einer seltsamen Mischung, die sich heute bereits schüchtern hervorwagt: Mischung von Ästhet und Athlet. Das hatte man ihm als Halbheit ausgelegt. Und dennoch gilt es heute, Materie und Geist, Antike und Moderne im Bild eines neuen Menschenschlages zu versöhnen.

Hyazinth, „der zu früh verschiedene Dichter“, den die Nachwelt plötzlich laut pries, hatte sein Lebensbekenntnis noch gar nicht begonnen, als es bereits von einem rührigen Journalisten verfasst und vom Publikum laut begrüßt war.

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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