Hyazinth. Novelle von Catherina Godwin.

Hyazinth gähnte und reckte seine Gestalt. Jetzt war er Selbstmörder a.D. Das Leben war ihm neu geschenkt!
Er blickte ohne Erwartung aus dem Abteilfenster. Sonst strebte man einem Ziele zu, plagte sich in Gedanken mit Kommendem und Gewesenem, hatte stets ein überladenes Programm und vermochte darum nichts wirklich zu vollenden. Kontinente jagte man ab, nur um dort gewesen zu sein, Abenteuer warf man hinter sich, nur um sie erlebt zu haben und der Masse zu imponieren. Verachtet der einzelne nicht im Grunde die Masse? Ja, lebt er nicht von dieser Verachtung?

Ein Fräulein saß dem Dichter gegenüber. Aß einen Apfel ohne jede Manieren. Schlechte Tischmanieren hatten ihn stets abgestoßen, denn Hyazinth war ein Bekenner der Form. Wenn man weiß, wie es heute um den Inhalt steht, so bleibt die Form noch der einzige Trost. Was ist schließlich ein guter Mensch mit schlechten Manieren? Was ist edler Charakter in einem schlechten Frack?

Hyazinth blickte in die idyllische Landschaft.
Ach, Idylle! Ein glücklicher Reaktionszustand, den der kleine Bürger beim Sonntagsausflug, bei Kaffee und Freikonzert sich noch vortäuscht. Überhaupt der Bürger! Der Dichter seufzte. Der Bürger von gestern war ein artiger Mensch mit Maß – und der Mensch von heute? Ein entarteter Bürger, der nur das Maßlose preist. Der Preisboxer, der Rekordschläger sind Trumpf!
Eigentlich kränkte es Hyazinth, daß das nette Fräulein ihm keinen Apfel anbot. Diese Äpfel sahen selbstgepflückt und nach eigenem Garten aus. Er betrachtete in uneingestandener Sehnsucht die umzäunten Häuslein am Weg. Warum immer den Superlativ erstreben? Warum nicht bescheiden und schlicht sich seine eigenen Grenzen stecken und in diesen Grenzen ein eigener Ganzer sein? Zum Kuckuck! Solche Minderwertigkeitsgefühle nahten wohl aus der dritten Klasse, in der der einst so Verwöhnte nun fuhr. Luxuskabine, Segeljacht und so! Das war der Traum, der Ehrgeiz der Zeit, während man sich damit begnügte, im Auto seiner Bekannten spazieren zu fahren.

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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