Hyazinth. Novelle von Catherina Godwin.

Hyazinth wußte nun, daß die Welt ihn anerkannte. Ohne Eitelkeit, nur mit Zärtlichkeit, gedachte er seiner selbst.

Der vornehme Herr im Tropenanzug war frisch rasiert von dem Hotel abgereist, das am Urwaldrand Komfort bot. Hyazinth kam barfuß an, sonnte seine breite nackte Brust, sonnte seine kräftigen Muskeln. Elegante Damen und Dämchen, die hier Urwaldsensation ahnten, lorgnettierten in die Tropenpracht und rauchten schmale, parfümierte Zigareten. Hyazinth aber rauchte die getrockneten Blätter einer wundersam duftenden Pflanze. Er rauchte aus einer langen Pfeife, die er sich selbst geschnitzt hatte.

Die Damen und Dämchen streiften vorbei, sahen in ihm den Urwald, das fremde Geheimnis, das schöne Raubtier der Wildnis, das sie ergreifen sollte. Hyazinth griff nicht zu. Die mondänen Frauen mit schwarzumränderten Augen und grellroten Lippen mißfielen ihm nicht, aber sie waren Urwaldblumen, vom modischen Urwald, den der Mensch im starren Häusermeer sich errichtet. Was hier im Dickicht als unerwartete Lebensgefahr lauerte, war dort die erwartete Gefahr in jedem Moment: die Gefahr von Gesetz und drohender Sitte. Hier ging er frei – dort war er gebunden an Paß und Behörde, hier schützte ihn Gott – dort mußte er die Protektion von Hinz und Kunz erflehen.

Hyazinth war mit seinem Los zufrieden.

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Author: Andreas Schüler

Geboren 1970 · Aufgewachsen in Nordhessen · Studium in Frankfurt und Halle · Stationen als Ghostwriter, Konzepter, Art Director, Onlineredakteur, Creative Director Text, Chief Marketing Officer · Bibliophiler, Ehemann und Papa.

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